Feudale Expansion und Migration

 am Beispiel des

mittelalterlichen Mecklenburg-Vorpommern
 
 
 
 
 

 Feudale Expansion und Migration
 am Beispiel des mittelalterlichen Mecklenburg-Vorpommern
 
 

Magisterarbeit
im Fach Politische Wissenschaft
 

an der
Universität Hannover
 
 

vorgelegt von:
Bernhard Brügger
 

Hameln, im April 1997


 INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort S. 5

1.  Einleitung S. 6
 

2.  Die Expansion im Mittelalter S. 8
 

2.1  Hintergründe der mittelalterlichen Expansion S. 8

2.2  Typen verschiedener Expansionsbewegungen im Feudalismus S. 10
 

3.  Grundzüge Mecklenburg-Vorpommerns vor der feudalen Expansion S. 11
 

3.1  Die Vorgeschichte der slawischen Besiedlung Mecklenburg-Vorpommerns S. 11

3.2  Die slawische Siedlung im ostelbischen Raum S. 12

3.3  Ansätze zur staatlichen Emanzipation der nordwestslawischen Völker S. 16
 

4.  Die expansive Außenpolitik des sächsisch-fränkischen Feudalstaates gegenüber den Slawen S. 21
 

4.1  Frühe Kriegszüge der Franken und Sachsen S. 21

4.2  Ideologie und Verlauf des Wendenkreuzzugs S. 25

4.3  Die systematische Eroberung des nordwestslawischen Siedlungsraumes  S. 31

4.4  Ausbeutungsformen der Eroberer S. 38

4.5  Formen des Widerstands gegen die Eroberung S. 41
 

5.  Die tragenden Kräfte der Expansion S. 46
 

5.1  Die Rolle des Feudaladels S. 46

5.2  Die Rolle des Klerus S. 50
 

Exkurs:  Die Rolle der Gewalt im Zusammenhang mit der Unterwerfung des slawischen Mecklenburgs S. 53
 

6.  Die Siedlungsmigration nach Mecklenburg-Vorpommern S. 56
 

6.1  Gründe der Siedlungsmigration  S. 56

6.2  Anwerbung und Herkunft der Siedler S. 58

6.3  Aufbau und Verlauf der Siedlungsmigration S. 63

6.4  Der Import neuer Siedlungsstrukturen S. 67
 

Exkurs: Die Veränderung des Landschaftsbildes S. 73
 

7.  Die Auswirkungen auf die slawische Bevölkerung S. 74
 

7.1  Die Auslöschung ethnischer und kultureller Zentren S. 74

7.2  Verdrängung und Assimilation der slawischen Völker S. 77

7.3  Anpassung und slawischer Identitätsverlust S. 81
 

8.  Resümee S. 85
 

Abbildungsverzeichnis S. 91
 

Literaturverzeichnis S. 92


 VORWORT
 

Die Idee zur Bearbeitung des Themas „Feudale Expansion und Migration am Beispiel des mittelalterlichen Mecklenburg-Vorpommern" basiert auf verschiedene Seminare zur Europäischen Expansionsgeschichte. Den Bezug zu Mecklenburg fand ich durch den Besuch dortiger Blocklehrveranstaltungen unter der Leitung von Lothar Eichhorn und Matthias Pfüller.
Der Arbeitstitel ergab sich unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die europäische Expansion nicht erst mit der Neuzeit beginnt, sondern seine Wurzeln bereits in der fränkischen Machtkonzentration in Mittel- und Westeuropa trägt.
Insbesondere in den 80er Jahren beschäftigten sich Geschichtswissenschaftler der ehemaligen DDR mit der thematischen Analyse historischer Quellen im Zusammenhang mit archäologischen Grabungen.
Erschwerend wirkt allerdings, daß weder schriftliche noch mündliche Überlieferungen aus den Reihen der untergegangenen slawischen Kulturen in Mecklenburg existieren. Daher können manche Arbeitsgebiete nur vage oder schemenhaft angerissen werden. Wesentliche -jedoch ebenso kritisch zu betrachtende- Forschungsgrundlagen sind die Beschreibungen zeitgenössischer Chronisten aus dem sächsisch-fränkischen und dem skandinavischen Bereich.
Zur Realisierung der vorliegenden Arbeit konnte ich auf diverse Quellenanalysen und -bewertungen der neueren Zeit zurückgreifen.

Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Ingolf Ahlers und Lothar Eichhorn für die Inspiration und Betreuung meiner Arbeit.


 1. Einleitung
 

Zielsetzung der Arbeit ist es, die Hintergründe für den Genozid einer ganzen Kulturform zu beleuchten. Die Art und Weise des Untergangs der Slawen in Mecklenburg-Vorpommern liefert dabei das Exempel nachfolgender Vernichtungs- und Assimilierungsprozesse in der neuzeitlichen Welt. Die Expansion des mittelalterlichen feudalen Europas kann somit als eine Art Prototyp für die globale Europäisierung mit all ihren Licht- und Schattenseiten gesehen werden.
Zur Gliederung sei anzumerken, daß  das erste Kapitel einen allgemeinen Einblick in die feudalistische Zusammenhänge des Mittelalters liefern soll. Hierin und im fünften Kapitel erfolgt jeweils eine theoretische Erfassung des mittelalterlichen Expansionsphänomens.
Die Ausgangssituation im südlichen Ostseeraum nach der Völkerwanderung wird im dritten Abschnitt beleuchtet. Im dritten Teil wird der Verlauf der Auseinandersetzungen zwischen den slawischen Völkern  und der fränkisch-sächsischen Linie beschrieben, an dessen Ende die komplette Einordnung des Mecklenburger Bereiches in das sächsische Herzogtum Heinrichs des Löwen steht. Nach der deskriptiven Abhandlung der Eroberungsphase werden die Beweggründe für die Expansion des Adels und des Klerus erläutert. Mit der nachfolgenden Siedlungsmigration aber auch den Formen des slawischen Widerstandes beschäftigen sich der sechste und siebte Abschnitt.
In weiteren kurzen Exkursen geht es um die Rolle der Gewalt bei der Expansion und um die Veränderung der Landschaft. Eine kurze Zusammenfassung erfolgt im Schlußteil.
Anzumerken bleibt, daß über die slawischen Völker zwischen Oder und Elbe in Literatur und Geschichte zum Teil mit unterschiedlichen übergeordneten Bezeichnungen geredet wird. Unabhängig davon, ob der Name Wenden, Nordwestslawen oder Ostseeslawen benutzt wird,  gemeint sind hier immer miteinander identische übergeordnete Volksbezeichnungen. Doch auch bei den einzelnen ethnischen Gruppen treten unterschiedliche Bezeichnungen zutage. So werden in der Literatur die Obodriten häufig auch als Abodriten und die Lutizen als Wilzen benannt. Letzteres hat allerdings historischen Hintergründe, wie im weiteren Verlauf klargestellt wird.
Häufig läßt sich die historische und politische Entwicklung des heute als Mecklenburg-Vorpommern umschriebenen Bereiches nicht trennen von Verbindungen zu Teilen Ostholsteins und Brandenburgs. Denn in Ostholstein lebte mit den Wagriern ein Unterverband der Obodriten und im Norden Brandenburgs wiederum lebten Volksgruppen der Lutizen. Daher sind Überschneidungen mit den benachbarten Bereichen bei der Abhandlung des Themenkomplexes unvermeidbar. Dies bietet allerdings auch Vorteile bezüglich der Transparenz und der Darstellungsmöglichkeiten von politisch-historischen Entwicklungen. Denn insbesondere für den obodritischen Osten in Wagrien -dem heutigen Ostholstein- wurden zahlreiche Forschungsberichte erstellt, während für den Mecklenburger Raum noch zahlreiche Lücken, die sich mit dem Übergang von der slawischen zur deutschen Siedlung beschäftigen, durch archäologische Recherche erst in den nächsten Jahren geschlossen werden sollen.


 2. Die Expansion im Mittelalter

2.1 Hintergründe der mittelalterlichen Expansion

Die Verinnerlichung der Verhältnisse in und um Mecklenburg  erfordert auch eine allgemeine Definition über Zielsetzung feudaler Expansion und Migration.
Feudale Expansionsbewegungen kennzeichnen sich durch langfristig und großräumig angelegte militärische sowie kolonisatorische Unternehmungen. Hierin versucht der herrschende Adel -unter Einbeziehung anderer sozialer Schichten- seinen Machtbereich auf fremde Gebiete auszudehnen. Hauptgrund hierfür ist die Tatsache, daß sich die Einkünfte der Feudalherren innerhalb der ursprünglichen Herrschaftsgebiete nur noch begrenzt steigern ließen.
Die Ressourcen  im Innern konnten aufgrund des sich abschließenden Landesausbaus , bäuerlichen Widerstandes, geringer Produktivität und Rivalitätskämpfe zwischen den Adelshäusern sowie mit der Zentralgewalt nicht beliebig erweitert werden. Mittels einer aggressiven Außenpolitik sollten neue Einnahmequellen erschlossen werden.
Weiterer Hintergrund der feudalen Expansion war der wirtschaftliche Aufschwung im Europa des 11. Jahrhunderts. Die Wirtschaft und die soziale Mobilität des Frühmittelalters wurde belebt durch die Rodungs- und Siedlungstätigkeit der Bauern aber auch durch produktionstechnische Fortschritte.
Veränderungen zeichneten sich allerdings auch im feudalen Herrschaftssystem ab. In manchen Gegenden  entstand ein einkunftsschwacher Kleinadel, der sich den Feudalherrschern und Königen unterordnete und von diesen zur Realisierung der expansiven Herrschaftsinteressen eingesetzt wurde. Der  Konzentrationsprozeß der Staatsgewalt  schaffte die Voraussetzungen für außenpolitische Aktivitäten. Der niedere Adel wurde zum Hauptelement aller Expansionsbestrebungen. Der schnelle Erwerb von Reichtümern mit der Möglichkeit sich in den eroberten Ländern niederzulassen und dort als neue herrschende Klasse zu fungieren, waren die Motive für die Beutezüge. Lehns- und Landesherren waren soweit an einer Beteiligung interessiert, wenn es darum ging, das Herrschaftsgebiet in der Nachbarschaft zu erweitern oder größere Territorien zu erwerben.   Nur wenig Engagement zeigten die Zentralgewalten der europäischen Staaten.
Weiterer Träger der feudalen Expansion war darüber hinaus die aufsteigende Schicht der Ministerialen im deutschen Feudalstaat sowie die Kirche. Sie konnte sich durch eine tiefgreifende Reform von der Bevormundung durch Fürsten und Könige befreien. Aus dem Investiturstreit trat das Papsttum als universelle Macht hervor und übernahm die ideologische Rechtfertigung der Expansion und beanspruchte hierin auch Führungsrollen. Neben dem Gewinn neuer Gebiete, ging es dem Papsttum darum, die griechisch-orthodoxe Kirche zu unterwerfen und sich als politischer Führer des Christentum zu etablieren. Die Kirche versuchte dabei, die europäischen Zentralgewalten aus der Führung der Expansionen zu verdrängen und sich mit dem Kleinadel sowie einzelnen Lehnsfürsten zu arrangieren. Die gewachsene Mobilität machten sich Mönchtum und Klerus außerdem für die Entwicklung des Wallfahrtswesens zunutze.
Möglichkeiten eigene Ziele zu verfolgen, gab es jedoch auch für das Städtebürgertum. Kaufleute und Handwerker siedelten sich auf den unterworfenen Gebieten an und trugen somit zur wirtschaftlichen, politischen und militärischen Konsolidierung bei.
Bessere Lebensbedingungen erhofften sich schließlich die Bauern in den eroberten Gebieten. Sie konnten sich unter Vorzugsbedingungen in den Expansionsgebieten ansiedeln, da die herrschende Schicht zur Durchsetzung ihrer gewinnbringenden Ziele auf die Kolonisationstätigkeit der Bauern angewiesen war.
Die einheimische Bevölkerung der eroberten Territorien wurde sofern sie sich nicht in das Herrschaftssystem integrieren ließ, in Randgebiete vertrieben, teilweise vernichtet oder entrechtet.

2.2 Typen verschiedener Expansionsbewegungen im Feudalismus

Expansionsbewegungen in der Übergangsphase vom Altertum zum Mittelalter führten zum Aufbau frühfeudaler Großreiche. Es handelte sich hierbei um Kriegszüge und Migrationsbewegungen von ethnischen Verbänden und Völkern, die unter Führung und im vorrangigen Interesse den Adels agierten. Zurückzuführen sind hierauf die Entstehung germanischer Reiche der Völkerwanderung, des Arabischen Kalifats, die Slaweneinfälle in das Byzantinische Reich, die frühen Wikingerzüge gegen England, das Frankenreich und Osteuropa.
Expansionsbewegungen der gefestigten frühfeudalen Staaten wurden von Adel und Kirche gestützt. Die Herrscher der frühen Feudalstaaten versuchten -vorausgesetzt ihre innere Stellung war gesichert- benachbarte Territorien, die sich erst im Prozeß der Staatsbildung befanden, zu unterwerfen. Ziel war die völlige Integration des angegriffenen Gebietes oder die Errichtung einer lehnsrechtlichen Abhängigkeit mit Tributpflicht gegenüber dem Eroberer. Hierzu gehören unter anderem die Kriegszüge Pippins des Jüngeren, Karls des Großen, die iberische Reconquista, die polnische Expansion im 10. und 11. Jahrhundert, die Anfänge der deutschen Ostexpansion sowie die Feldzüge Dänemarks gegen die Ostseeslawen und Estland.
Expansionsbewegungen des entfalteten Feudalismus dienten der Ausdehnung des Macht- und Ressourcenbereiches des herrschenden Standes unter Einbeziehung verschiedenster sozialer Schichten. Zu ihnen zählten die Kreuzzüge im östlichen Mittelmeergebiet, die Fortsetzung der iberischen Reconquista, die zweite Etappe der deutschen Ostexpansion, die normannische Expansion gegen England, Süditalien und Byzanz, die Expansion von Ritterorden im Mittelmeerraum und Osteuropa sowie die polnische Expansion im 14. Jahrhundert.


 3. Die Grundzüge Mecklenburg-Vorpommerns vor der feudalen Expansion
 

3.1 Die Vorgeschichte der slawischen Besiedlung Mecklenburg-Vorpommerns

Seit dem Jahre 600 wanderten slawische Gruppen aus den Bereichen östlich der Oder in den -verhältnismäßig nur noch dünn besiedelten- Raum bis zur Elbe ein. Die germanischen Gruppen Mecklenburgs  migrierten im Zuge der Völkerwanderung zwischen 375 und 600 nach Westen.  Ein Großteil der im heutigen Mecklenburger Raum ansässigen germanischen Gruppen  ließ sich in den ehemaligen altrömischen Provinzen nieder.
 


Abb. 1: Schema der Siedlungsentwicklung  zwischen Oder und Elbe

Nur sehr selten wurden bei archäologischen Grabungen gemeinsame Funde germanischer und slawischer Gegenstände registriert, die auf eine Gleichzeitigkeit der Besiedlung schließen lassen. Ebenso selten sind echte Mischformen beider Kulturen.
Allerdings war das ehemalige Kulturland noch zu erkennen, denn die Slawen besiedelten die gleichen Gebiete wie vor der Völkerwanderung die Germanen.
In einigen Teilen der frei gewordenen Siedlungsräume konnten auch noch germanische Siedlungsreste nachgewiesen werden, in anderen Teilen konnten sich wieder naturlandschaftliche Verhältnisse entwickeln. Auch der heutige Sachsenwald blieb seit dem Abzug der Germanen siedlungsfrei. Das elbgermanische Thüringerreich überdauerte zwar die Völkerwanderungszeit ging jedoch unter dem Druck der Franken und Sachsen im Westen sowie der vom Osten vordringenden Awaren und Slawen unter.
Zum Ende des 7. Jahrhunderts erreichen die slawischen Siedlergruppen Mecklenburg, den nördlichen Teil Lauenburgs, den Lübecker Raum und Ostholstein.
Die verschiedenen Völker der Westslawen siedelten schließlich bis zur Elbe-Saale-Linie zum Böhmerwald bis in die Ostalpen hinein.
Die slawische Wanderung war im Grunde ein weiterer wichtiger Akt der europäischen Völkerwanderung, die das neue ethnische Bild Europas formte.
Zur Entstehung der slawischen Volksgruppen stellte der Prager Archäologe Zdenek Vana zwei Schlußfolgerungen an:
1.  Die Urheimat der Slawen ist nicht in entfernten Gebieten irgendwo im Kaukasus, in Mittelasien oder Sibirien zu suchen, ... sondern auf dem europäischen Kontinent, in einem verhältnismäßig gut abgrenzbaren Bereich nördlich der Karpaten, in der westlichen Ukraine und in Südpolen, wo sich die baltischen, germanischen und iranischen Volksgruppen durchdrangen.
2.  Die Slawen gehören nicht zu den schon im Altertum bekannten Völkern -in jener Zeit existierten sie als eine gesonderte, selbständige Volksgruppe noch nicht. Aus dem ursprünglich großen Ganzen der alteuropäischen Menschheit differenzierten sie sich als letzte heraus und erschienen als entwickelter ethnischer Organismus erst im 6. Jahrhundert, als auch ihr Name zum ersten Mal genannt wurde.

3.2 Die slawische Siedlung im ostelbischen Raum

Seit dem 10 .Jahrhundert kann auf direkte chronologische aber ebenso urkundliche Überlieferungen betreffend der nordwestslawischen Ethnien im Ostseeraum zurückgegriffen werden, so daß auch eine Rekonstruktion über die Aufteilung des Landes möglich ist.
Die Obodriten siedelten an der südlichen Ostseeküste, zwischen Kieler Förde und mittlerer Warnow. Sie gliederten sich in vier Teilvölker. Hierzu gehörten die Wagrier in Ostholstein, die Polaben zwischen Trave und Elbe, die Warnower an der oberen Warnow und Mildenitz und die für den ethnischen Verband namengebenden Obodriten, die von der Wismarer Bucht bis südlich des Schweriner Sees siedelten.


Abb. 2: Die slawischen Völker im südlichen Ostseeraum

Die Wilzen, die seit Ende des 10. Jahrhunderts auch als Lutizen bezeichnet wurden, lebten östlich des Siedlungsgebiets der Obodriten. Zu ihnen gehörten die Kessiner an der unteren Warnow, die Zirzipanen zwischen Recknitz, Trebel und Peene, die Tollenser östlich sowie südlich der Peene an der Tollense und die Redarier südlich sowie östlich des Tollensesees an der oberen Havel. Im Zentrum des Gebiets der Redarier hat die Tempelburg Rethra gelegen.
Auf der Ostseeinsel Rügen siedelten die Ranen. Um Wolgast und Usedom lebten mehrere kleine Gruppen, deren Siedlungsraum unter dem Begriff Wanzlow zusammengefaßt wurde. Außerdem gab es noch die Ethnien der Ukranen, die am Flußlauf der Uecker lebten sowie die Müritzer, die hergeleitet vom Namen an der Müritz siedelten.
Die beiden Hauptvolksgruppen der Obodriten und Lutizen wurden durch ein großes Waldgebiet zwischen Mecklenburg und Werle getrennt.
In Chroniken und Urkunden werden vom 9. bis 11. Jahrhundert in den nordwestslawischen Siedlungsräumen mehr als 70 Gebiete von Völkern und Volksgruppen namentlich erwähnt.
Das Gebiet der Ostseeslawen zwischen Oder und Ostholstein war im 11. Jahrhundert bereits von feudalen, christlichen Staatsgebilden umgeben. Im Norden ist es Dänemark, das sich um die Jahrtausendwende zum Großreich entwickelte. Nach- dem der dänische König Gorm der Alte die feudale Herrschaft etablierte, führte sein Sohn Harald Blauzahn das Christentum ein. Dessen Sohn Sven Gabelbart baute die feudalen Strukturen mit Zentrum in Mitteljütland weiter aus.
Ähnlich verlief die Entwicklung in Polen. Hier gelang es Herzog Mieszko in Großpolen das Christentum als neue Staatsreligion durchzusetzen, sich nachfolgend Mittelpolen, Pommern, Schlesien, das mittlere sowie das untere Odergebiet einzuverleiben.
An die westliche Ostseeküste grenzte der deutsche Feudalstaat, der vor allem obodritische Bemühungen zur frühfeudalen Staatsbildung vereitelte. Zwischen 929 und 983 datieren die Eroberungsversuche der deutschen Könige Otto I. und Heinrich I., die allerdings ohne nennenswerte Erfolge blieben.
Von den umliegenden feudalen Staatengebilden, den Dänen im Norden, den Sachsen im Westen, den Polen im Osten und später auch der Mark Brandenburg im Süden wurde der südliche Ostseeraum als ein Machtvakuum angesehen, um dessen Schließung sich alle Beteiligten bemühten.
Zwar handelte es sich im Fall Mecklenburg-Vorpommerns um ein verhältnismäßig kleines Areal, doch trotzdem konnte es nicht von heute auf morgen unterworfen werden. Die verschiedensten Faktoren, wie zum Beispiel die Konkurrenz zwischen Sachsen und Dänen, die Auseinandersetzung der sächsischen Herrscher mit der Zentralgewalt sowie innere Zwistigkeiten in sächsischen Herrschaftsgebiet selbst, gaben den slawischen Völkern in Mecklenburg immer wieder Verschnaufpausen, um Kräfte zu sammeln.
Konzentrierte Aufmerksamkeit schenkten die Sachsen dann erst mit dem Wendenkreuzzug  den Slawen. Nachfolgend setzte ein kontinuierlicher Prozeß der Zersetzung ein. Mit differenzierten Methoden vollzog sich ein langsamer Genozid, der durch die nachfolgenden slawischen Adelsgeschlechter sogar noch begünstigt wurde, als sich diese mit der sächsischen Herrschaft arrangierten. Durch die Siedlungspolitik der slawischen Fürsten, die im 13. Jahrhundert die bäuerliche Einwanderung aus dem Westen begünstigten, kam es zur schnellen Assimilation der slawischen Restbevölkerung, die nicht vertrieben oder ausgerottet wurde, wie sich in den folgenden Kapiteln noch zeigen soll.

Seit dem 9. und 10. Jahrhundert entwickelten sich im nordwestslawischen Raum Burgstädte, die aus Fürstenburg und suburbium  mit Gewerbe und Handelsverkehr bestanden. Charakterisiert wurden diese Burgstädte durch das Zusammentreffen eines herrschaftlichen Zentrums mit einer handwerklichen Siedlung sowie einer kaufmännischen Niederlassung mit regelmäßigen Marktverkehr.
Frühstädtische Handelsemporien entstanden seit dem 8. Jahrhundert in günstiger Verkehrslage an den Küsten der Ostsee oder im Mündungsgebiet der Flüsse.
Es waren ständige bewohnte, meist unbefestigte Orte, an denen Handwerker und Kaufleute zu Hause waren, während eine agrarisch tätige Bevölkerung fehlte.
Beeinflußt wurde die Entstehung und Entwicklung der Handelsemporien durch die damaligen Handelswege. Die in geschützter Lage und nicht in unmittelbarer Nähe zu Burgen oder anderen politischen Zentren errichteten Emporien waren von einer ethnisch ebenso wie sozial vielfältig gegliederten Bevölkerung bewohnt.
Dies muß auch auf Ralswiek (Rügen) zugetroffen haben.  Hier waren neben Händlern auch Handwerker ansässig, die in ihren Werkstätten Kämme und Schuhe herstellten sowie Bernstein, Eisen und Silber verarbeiteten. Der Seehandelsplatz Ralswiek wurde als Zwischenstation von den dänischen Inseln zu den Handelsniederlassungen an der südlichen Ostseeküste gedeutet.
Die städtischen Frühformen mit Burg, surburbium und gelegentlich auch einem Markt waren das bestimmende Bild im nordwestslawischen Bereich. Bedingt durch die deutsche Ostexpansion setzte seit dem 13. Jahrhundert die Entwicklung der Rechtsstadt mit Bürgergemeinde und relativer städtischer Autonomie ein.
Auch dem mittelalterlichen Rostock ging eine slawische Fürstenburg mit surburbium und Markt voraus, während dem mittelalterlichen Stralsund eine Vorgängersiedlung mit zentralörtlicher Bedeutung fehlte.   Vorwiegend die kommunalen Städte der Ostexpansion hatten Kaufmannsniederlassungen als Vorläufer, die mit einer Nikolaikirche  verbunden waren. Sie lagen an den Fernstraßen außerhalb der ummauerten Altstadt. Im 12. Jahrhundert hat es im Raum zwischen Ostsee und Thüringen über 100 derartige Kaufmannssiedlungen gegeben.

3.3 Ansätze zur staatlichen Emanzipation der nordwestslawischen Völker

Die Bildung von Territorialverbänden im 8. und 9. Jahrhundert ließ die Slawen in Mecklenburg auch zu einem politischen Faktor werden. So kämpften die Obodriten auf der Seite Karls des Großen zwischen 794 und 799 gegen die Sachsen, die sich wiederum mit den Wilzen gegen die Obodriten verbündeten. Die althergebrachte Feindschaft zwischen Wilzen und Obodriten geht darauf zurück, daß die Wilzen nach der Völkerwanderung in das bereits von den Obodriten besiedelte Territorium im mittleren Mecklenburg eingedrungen seien sollen.
Karl der Große ließ den sogenannten „limes saxoniae" als Grenzwall in Ostholstein errichten - nicht gegen die Slawen als „Volk", sondern gegen die noch nicht ortsfeste Siedelweise, die sich in administrative Strukturen nicht eingliedern ließ.
Bereits für den Zeitraum zwischen 789 und 826 können vier obodritische Stammesfürsten - davon drei in genealogischer Reihenfolge - nachgewiesen werden. Seit dem ausgehenden 8. Jahrhundert war die Fürstenwürde erblich. Fraglich ist jedoch, ob sich durchgehende Dynastien herausbildeten, da es im weiteren Verlauf des 9. bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts nur spärliche Überlieferungen über die Obodriten gibt.
Bereits während der Konsolidierungsphase der slawischen Völker im südlichen Ostseeraum zwischen dem sechsten und neunten Jahrhundert bildeten sich die Hauptstrukturelemente einer Herrschaftsorganisation heraus. Hierzu gehörten erbliche Fürsten, die über militärisches Machtpotential verfügten und Gefolgschaften besaßen. Bei den Wilzen aber auch bei den Obodriten gab es Versammlungen des Volkes.  Die im Vergleich geringe Bedeutung der Volksversammlung gegenüber der herausragenden Stellung der Stammesfürsten führte bei den Obodriten bereits im 9. Jahrhundert zum Aufkeimen stärkerer staatlicher Organisation. Bei den Wilzen wurde bis in das 11. Jahrhundert hinein die Stellung der Versammlungen, die als Gremien politische Entscheidungen trugen, durch die Abschaffung der Stammeskönige gestärkt. In den Versammlungen gab jedoch der Adel den Ton an. Die ökonomischen Grundlagen dieser Herrschaftsorganisation rührten auf eine lokale Machtstellung, die sich auf die Herrschaft über einen großen Teil der Bevölkerung sowie über Grund und Boden stützte.

Im Prozeß der Staatsbildung und Eroberung war es üblich, daß ein Herrscher sein Land durch Burgen sicherte. Wenn eine Burg nur halbwegs gut besetzt und mit Proviant versehen war,  hatte der Gegner kaum Möglichkeiten, sie einzunehmen.
In den Burgen fanden die herrschenden Schichten Schutz vor feindlichen Eindringlingen. Vom Besitz der Burgen hing auch die Beherrschung des Landes ab. Nicht nur in Kämpfen innerhalb der Oberschichten  spielten die Burgen ein zentrale Rolle, auch die deutschen Feudalherren hatten die Eroberung der slawischen Burgen als primäres Ziel. Um das Land zu unterwerfen, wußten auch Polen, Dänen und Pomoranen von der Bedeutung der Burgen.
Die slawischen Burgen wurden also nicht nur zum Schutz errichtet. Bereits mit Beginn des Burgenbaus läßt sich feststellen, daß sie ein zentraler Platz des Kultes waren und für jede Siedlungseinheit schließlich auch Sitz herrschaftlicher Organisation.
Drei Abfolgen sind für die Burgenentwicklung im slawischen Raum erkennbar:
1.  Während der Zeit der Landnahme und Konsolidierung (bis einschließlich 8. Jahrhundert, frühslawische Zeit) werden vorwiegend große Ringwälle und Höhenburgen als bäuerliche Zufluchtburgen errichtet. Für das Ende dieser Phase gibt es Hinweise auf eine sich bildende Oberschicht (Dorfvorsteher).
2.  In der folgenden Phase (9.  und 10. Jahrhundert, mittelslawische Zeit), ... erreichen die Burgen ihre größte Dichte, und es kommt zu einer größeren Vielfalt in den Burgentypen. Es werden auch kleinere Anlagen errichtet beziehungsweise die großen Burgen umgebaut. ... Die Kleinburg hat  in diesem Zeitraum ihre größte Verbreitung. Auch kann man auf die Existenz eines Lokaladels schließen. ... In dieser Zeitphase verstärken sich die Hinweise auf eine Gliederung in Siedlungskammern mit befestigten Mittelpunkten.
3.  Die dritte Phase der Burgenentwicklung (ab dem 10. Jahrhundert, spätslawische Zeit) ist geprägt von den Zentralburgen neu organisierter, weiträumiger Burgbezirke. Oft sind es große Fürstenburgen, ... in deren Vorburgen (Suburbien) sich Handwerk und Handel entwickelt haben und die zu Ausgangspunkten mit städtischem Charakter werden.  In den ländlichen Gebieten bleiben viele ältere Kleinburgen bestehen, und es werden weitere Anlagen neu errichtet. Der -wohl auch burgansässige- Adel ist einbezogen in die Macht- und Verwaltungsstruktur des entwickelten Staatswesens. Fallweise steht er jedoch bei den in diesem Zeitraum nachgewiesenen Aufständen auf der Seite des rebellierenden Volkes.
Ein Großteil der slawischen Burgen wurde durch Brandschatzung zerstört, da die kompakten Holz-Erde-Konstruktionen der slawischen Wallmauern den Rammen und Sturmböcken standhielten.

Anfänge einer staatlichen Organisation konnten zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert die Obodriten ausbilden. Zwar erlitten die Obodritenfürsten eine schwere Niederlage in der Schlacht von Raxa  im Jahr 955, doch konnte der obodritische Fürst Nakon seine Macht weiter ausbauen. Bis in die erste Hälfte des 12. Jahrhundert läßt sich danach eine ununterbrochene Folge von obodritischen Fürsten nachweisen.
Sozioökonomische Grundlage der Fürstenherrschaft waren die zunehmende Verbreitung von Abhängigkeitsverhältnissen -verbunden mit der Herausbildung einer frühfeudalen Klassenstruktur. Beherrschte Güter sowie Leistungen abhängiger Bauern und Dienstleute waren Haupteinnahmequellen. Des weiteren verfügten die Fürsten über Tribute und Abgaben aus dem eigenen Volk sowie unterworfener benachbarter slawischer Volksgruppen.
Ein Netz von Burganlagen, Krieger und Dienstleute hielten die Macht der Obodritenfürsten aufrecht. Trotzdem waren die Machtverhältnisse sehr instabil: So wurde Nakons Enkel Mstislav im Jahre 1018 von seinem Volk, das sich während eines Lutizenkrieges erhoben hatte, vertrieben. Einer der Gründe für Mstislavs Flucht nach Sachsen war die Zugehörigkeit der Obodritenfürsten zur christlichen Kirche. Doch weder im Volk noch in den obodritischen Adelsschichten gewann das Christentum an Boden.
Obodritenfürst Gottschalk  konnte vor allem durch dänische Hilfe im Jahre 1043 wieder ein Herrschaftssystem aufbauen und ein Reich gründen, dem er neben den Land der Obodriten auch das Gebiet der Zirzipanen und Kessiner einverleibte.
Ein großer Aufstand, angeführt von der obodritischen Adelsopposition im Bündnis mit den benachbarten Lutizen im Jahre 1066 führte zum Ende der Macht Gottschalks -trotz intensiver Bemühungen der christlichen Kirche. An die Spitze des obodritischen Herrschaftssystems setzte sich nun der heidnische Fürst Kruto, der bis zum Jahr 1090 das Obodritenland und einige lutizische Gebiete regierte.
Wiederum mit dänischer Hilfe gelang es Heinrich -einem Sohn des Gottschalk - die Macht über das Obodritenland wiederzuerlangen. Vom wagrischen Alt Lübeck  aus vergrößerte er seinen Einflußbereich bis nach Brandenburg und zur Oder. Die bewußte Förderung von frühstädtischen Siedlungskomplexen an den Burgzentren, eine eigene Münzprägung sowie ein Heer- und Gefolgschaftswesen sollten die Macht nach innen und außen sichern. Die verwaltungsmäßige Gliederung des Reiches erfolgte in Burgbezirken. Mit der Duldung des Christentum und dessen späteren Förderung versuchte Heinrich die verschiedenen Teile der slawischen Bevölkerung an eine einheitliche Ideologie zu knüpfen.
Diese am weitesten fortgeschrittene slawische Staatsgründung im Gebiet zwischen Oder und Elbe scheiterte aufgrund des Widerstandes der oppositionellen Kräfte. Denn sowohl die Priesterschaft als auch der lokale Adel erkannten die außenpolitischen Abhängigkeit Heinrichs gegenüber den sächsischen und dänischen Feudalgewalten.
Die Kirche forderte Zehntleistungen und andere Abgaben; der Staat zog für seinen Bedarf und für auswärtige Mächte, für Sachsen und Dänen, Tribute und Steuern ein. Diese Verhältnisse waren wohl die tiefere Ursache für die ständigen Aufstände gegen die Obodritenfürsten. Sie mußten mehrfach aus dem Lande fliehen und konnten nur mit Hilfe sächsischer und dänischer Heere wieder zur Herrschaft gelangen. ... Diese Schwächen des Obodritenstaates boten den benachbarten deutschen und dänischen Feudalgewalten leichte Möglichkeiten zu militärischen und politischen Angriffen. Durch die seit den dreißiger Jahren des 12. Jahrhunderts verstärkte deutsche Expansion ging der Obodritenstaat von Alt Lübeck mit seinem slawischen Herrschergeschlecht schließlich zugrunde.
Es gelang keiner der Oberschichten aus den slawischen Völkerschaften westlich der Oder eine dauerhafte Herrschaftskonstitution zu errichten. Eine entsprechende Entwicklung verhinderte der breit angelegte Widerstand in den slawischen Volksschichten. Diese wehrten sich gegen die Schaffung feudaler Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse. Die slawischen Oberschichten suchten daher Anlehnung beim benachbarten deutschen, dänischen und polnischen Feudaladel, der seinerseits danach trachtete, die slawischen Gebiete zwischen Oder und Elbe seiner Machtsphäre zu unterwerfen.


 4. Die expansive Außenpolitik des fränkisch-sächsischen Feudalstaates gegenüber den Slawen
 

4.1 Frühe Eroberungszüge der Franken und Sachsen

Immer wieder mußten sich die Wenden gegen Vorstöße aus dem Westen erwehren, wie zum Beispiel gegen die von den Ottonen eingeleitete Slawenpolitik. Wilzen und Obodriten konnten sich zwar ihre Eigenständigkeit erhalten, doch sollten an den Ostgrenzen des fränkischen und später des deutschen frühfeudalen Staates keine größeren Staaten entstehen. Seit der ostfränkischen Königswahl von Heinrich I. im Jahre 919 wurden die Ziele Heinrichs noch weiter bis zur Unterwerfung aller Gebiete zwischen Elbe und Oder ausgedehnt, was im Jahre 929 zum Teil auch realisiert werden konnte.
Heinrich I. führte dabei seine neue Reiterei gegen Völkerschaften, die zu Fuß antraten. Im Frühjahr 928 zerstörte er die Fliehburgen Brendanburg und Gana der Heveller und Daleminzen, ließ die Bewohner töten oder versklaven. Zwischen den Jahren 929 und 934 führten die Sachsen weitere militärische Aktionen gegen die Elbslawen durch.
Zwar hatten sächsische Heere 929 bei Lenzen und auch 936 ... militärische Erfolge gegen die Slawen zu verzeichnen, doch kann von einer Unterwerfung der slawischen Stämme in dieser Zeit fraglos nicht die Rede sein.
Übereinstimmend stellte auch der französische Historiker Charles Higounet fest:
Dies alles waren weniger Eroberungen als vielmehr - wie zur Zeit Karl des Großen - Feldzüge, die dem Ziel dienten, ... die slawischen Stämme dazu anzuhalten, die Grenzen des ostfränkischen Reiches zu achten. Daß sie alljährlich Tribut  zu entrichten hatten, bedeutete nicht, daß sie Vasallen waren; aber sie erkannten doch die Überlegenheit des Reiches an  sowie das Recht, sich überwachen zu lassen, das die Markgrafen an den Grenzen ausübten.
Die Eroberungen wurden durch sogenannte Burgwarde gesichert und ab dem Jahre 948 wurde die deutsche Kirchenorganisation mit Bistumsgründungen in Brandenburg und Havelberg übertragen. Im Jahre 968 folgten die Bistümer Oldenburg, Zeitz und Meißen sowie das Erzbistum Magdeburg.
Als sicher gilt dabei, daß der obodritische Fürst Nakon noch vor der Mitte des 10. Jahrhunderts zum Christentum übergetreten ist. Denn der Fürst ließ sich in seiner Burg eine Kirche bauen. Schon vor der Niederlage gegen den deutschen Kaiser Otto I. im Jahre 955 an der Recknitz haben sich Teile der obodritischen Oberschicht dem Christentum angeschlossen.
Otto I. war es auch, der die Verteidigung seines Reiches jenseits der fränkischen Grenzen legte, was den Weg zu territorialen Eroberungen für die deutsche Feudalherrschaft öffnete.
Ziel des Königs war dabei nicht so sehr die Ausübung einer reinen Tributherrschaft unter Beibehaltung der politischen Selbständigkeit der Slawen, sondern die Eroberung und Eingliederung slawischer Gebiete in das ottonische Reich.
Mit dem Zusammenschluß zum Lutizenbund   leisteten die Wilzen Widerstand gegen die ottonische Missions- und Expansionspolitik. Politisches und kulturelles Zentrum war die Burg Rethra . Während Kaiser Otto I. gegen die Obodriten vorsichtig und auf Ausgleich bedacht agierte, ließ er gegen die Lutizen mehrere Kriegszüge durchführen.
Durch die Gründung von Bistümern konnte Otto I. sein Gewissen beruhigen. Für Wagrier und Obodriten entstand im Jahre 948 das zur Kirchenprovinz Bremen-Hamburg gehörige Bistum Stargard-Oldenburg. Für Wilzen und Heveller wurden die Bistümer Havelberg und Brandenburg gegründet, die zur Kirchenprovinz Mainz gehörten. Besondere Bedeutung bei der Christianisierung der Slawen kam dem im Oktober 968 gegründeten Erzbistum Magdeburg zu, dessen kirchliche Jurisdiktion von der Elbe bis Polen reichte. Den alten Kirchenfürsten von Mainz, Trier und Köln war der Erzbischof von Magdeburg ebenbürtig. Kennzeichnend für diese Bistumsgründungen läßt sich aussagen:
Die ersten beiden sächsischen Kaiser trafen dem Osten gegenüber mehr als nur Verteidigungsanstrengungen: die Errichtung von Marken und mehrerer Bistümer jenseits der Elbe ist bezeichnend für ihren Willen, im Osten vorzurücken.
Im Jahre 983 erhoben sich die Lutizen gegen den nach einer Niederlage in Italien geschwächten Otto II. Ursache hierfür war die Unterdrückung der Markgrafen Dietrich von der Nordmark und Bernhard von Sachsen. Lutizen und Heveller zerstörten die Bistümer auf ihrem Gebiet sowie die Garnisonen von Havelberg und Brandenburg. Mit dem großen Slawenaufstand, dem sich später auch die Obodriten anschlossen,  brach die deutsche Herrschaft einschließlich ihrer Kirchenorganisation zusammen.   Somit wurde zur Jahrtausendwende die Elbe die natürliche Demarkationslinie zwischen Deutschen und Slawen.
Lutizen als auch Obodriten konnten sich ihre Unabhängigkeit bis zur Zeit Heinrichs des Löwen erhalten.
Nach der Beseitigung der feudalen Ausbeutungsformen zwischen Oder und Kieler Förde stieg auch die Zahl der Münzschätze beträchtlich an. Der offensichtliche Grund hierfür:
Silberzehnt und Marktabgaben flossen nun nicht mehr nach Magdeburg und Hamburg-Bremen und in andere westliche Feudalzentren, sondern blieben im Lande und gaben der entstehenden einheimischen herrschenden Klasse größere Möglichkeiten zur Teilnahme am Ostseehandel.

Durch den Konflikt zwischen dem deutschen König Heinrich II. und dem polnische Herrscher Boleslaw Chrobry der Piastenlinie, war die feste Umklammerung des lutizisch-obodritischen Gebietes gesprengt. An die Stelle der ottonisch-piatischen Kooperation trat eine Aufwertung der bisherigen Reichsfeinde zu vollgültigen rechts- und bündnisfähigen Partnern, denen es auf diese Weise gelang, ihre archaischen heidnischen Lebensformen und ihre politische Freiheit noch für ein bis anderthalb Jahrhunderte zu bewahren ...  urteilte der Historiker Herbert Ludat.
Der Bündnisvertrag des deutschen Königs mit den Lutizen im Frühjahr 1003 beeinflußte nicht nur das Verhältnis zum polnischen Reich, sondern auch zu den übrigen christlichen Feudalgewalten: Das Konzept einer universal-christlichen Politik erhielt einen schweren Schlag ... und es hat sich die kulturelle und zivilisatorische Kluft zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil Mitteleuropas vertieft, die weder von der bald darauf in Gang kommenden Siedlungs- und Kolonisationsbewegung noch durch einen der späteren Kulturassimilierungsprozesse voll eingeebnet oder überbrückt werden konnte.
Machtpolitische Interessen seien bei den einsetzenden Aktionen zur endgültigen Unterwerfung und Christianisierung der heidnischen Restgebiete am Beginn des 12. Jahrhunderts auf polnischer und sächsischer Seite an die Stelle eines gemeinsamen Planens und Handelns gerückt.
Trotz der vorhandenen Dynastien in den einzelnen Verbänden der Elb- und Ostseeslawen kam es nirgends zur Etablierung eines modernen Staatsapparats im Sinne einer großflächigen herrschaftlichen Institutionalisierung. Dieser Schritt hätte, -nach den Ausführungen Ludats- wäre er in der Zeit der politischen Selbständigkeit durchgeführt worden, eine wesentliche Voraussetzung für die Projektion eines Einheitsbewußtsein bedeuten können.
Es fehlte jedoch die Polarisierung durch ein überregionales Element, das dem Gemeinschaftssinn der Obodriten, Lutizen und Pomoranen eine Grundlage hätte geben können. Die Hinwendung zum regionalen Heidentum sieht Ludat hingegen als Regression an:
Damit war die Entscheidung über das künftige Schicksal und die politische Zuordnung dieser Gebiete zu einer Funktion des Kräfteverhältnisses der christlichen Nachbarmächte - der Polen, der Dänen und der deutschen Territorialfürsten - geworden. ... Die Tragödie der nordwestslawischen Stämme besiegelten die deutschen Gewalten, die die dänischen Konkurrenten ausschalten konnten, nachdem zuvor bereits auch der polnische Piastenstaat sein politisches und missionarisches Engagement im Gebiet westlich der Oder aufgrund innerer Auseinandersetzungen aufgab.
In den Landschaften zwischen Oder und Elbe, in denen die Slawen seit dem 6. und 7. Jahrhundert siedelten, kam es nicht wie im benachbarten Böhmen und Polen zur Bildung eigenständiger und dauerhafter dynastischer Flächenstaaten, sondern zur Errichtung deutscher Territorialfürstentümer, deren politische und kolonisatorische Aktivität sich seit Mitte des 13. Jahrhunderts auch auf die Umgestaltung der Landschaften östlich der Oder auszuwirken begann.

Maßgeblichen Anteil an der nachfolgenden Unterwerfung der slawischen besiedelten Regionen im heutigen Mecklenburg-Vorpommern ebenso wie in Teilen Holsteins und Ostniedersachsens hatte der sächsische Adel. Allen voran Heinrich der Löwe, der anstatt sich der Teilnahme an den Orientkreuzzügen zu widmen, seine Machtposition an den eigenen Landesgrenzen ausbaute.
Bereits in jungen Jahren betrieb der Welfenherzog eine rücksichtslose Machtpolitik und setzte sich über geltende Rechte hinweg, wenn sie ihm im Weg standen. Hierzu gehörte auch die im Mittelalter allgemein anerkannte Heiligkeit der Gerichtsstätte.

4.2 Ideologie und Verlauf des Wendenkreuzzuges

Zur Legitimation der eigenen politischen Ziele nutzten die sächsischen Fürsten die Kreuzzugsidee . Der große Reichstag  im März des Jahres 1147 in Frankfurt stimmte dem Ansinnen der Sachsen zu, einen Kreuzzug gegen die heidnischen Slawen östlich der Reichsgrenze durchzuführen. Unterstützung erhielten die sächsischen Fürsten auch von Bernhard von Clairvaux , der den Teilnehmern an einem solchen Zug, den gleichen Ablaß zusicherte wie den Kreuzzugsteilnehmern im Orient.
Die Bevollmächtigungen zum Wendenkreuzzug erteilte Papst Eugen III. In seiner Bulle bestätigte der Papst auch die Erklärungen Bernhard von Clairvaux: So sei das Ziel des Unternehmens die Bekehrung oder die rücksichtslose Bekämpfung der Heiden. Gleichzeitig wurden alle Verträge mit den Slawen verboten, die diesen zwar Tribut auferlegte, ihnen aber die Ausübung ihres Glaubens gestattete.
Wesentlicher Unterschied zwischen früheren Kreuzzugsappellen und den Aufruf zum Wendenkreuzzug war, daß nicht die Befreiung ehemals christlichen Landes oder die Verteidigung der Kirche als Ziel gesetzt wurde, sondern die Heidenbekehrung in den Vordergrund rückte. „Tod oder Taufe" lautete hierzu die Devise des Bernhard von Clairvaux in seinem Aufruf zum Zug gegen die Slawen. Da hierin die Vernichtung ungleich stärker betont wurde als die Bekehrung, hatte auch Bernhard von Clairvaux letztendlich einen Ausrottungskrieg gepredigt.
Nach dem Urteil des Historikers Friedrich Lotter habe er jedoch nicht dazu aufgefordert, die Heiden als Individuen zu töten, falls sie sich der Bekehrung widersetzten. Unter der Verwendung des Kollektivums (natio/nationes) hätte Bernhard von Clairvaux seinen Aufruf auf die Ethnizität bezogen. Ebenso wie den Orientkreuzzug versuchte Bernhard von Clairvaux den Wendenkreuzzug als Verteidigungskrieg zu deklarieren und schanzte den christlichen Fürsten eine vermeintliche Opfermentalität zu:
Die Bekehrung der Wenden habe der Teufel voll boshafter Hinterlist und mit seiner ganzen Falschheit zu verhindern versucht und daher seinen ruchlosen Samen, die verbrecherischen Söhne aufgewiegelt. Die christlichen Fürsten hätten trotz ihrer Stärke die wendischen Heiden geduldet und ihre Überfälle nicht ernst genommen... Nun aber werde deren Hochmut nur um so schneller gedemütigt. Unbeeinträchtigt solle hiervon jedoch der Kreuzzug nach Jerusalem bleiben.
Den Teilnehmern am Wendenkreuzzug versprach Bernhard von Clairvaux den gleichen Nachlaß der Sündenstrafen wie allen anderen Kreuzzugteilnehmern, sofern sie sich an die Anweisungen der Bischöfe und Fürsten hielten. Nachdrücklich verbot er den Teilnehmern weder für Geld noch für Tributzusagen Abmachungen zu treffen, bevor nicht mit Gotteshilfe der heidnische Kult oder das Volk zerstört sei.
Grund für diese Einschränkung war die  Befürchtung, daß die Sucht nach materieller Bereicherung das Ziel des Kreuzzuges gegen die Wenden verfälschen und somit einen Erfolg zunichte machen könnte. Die Teilnehmer wurden außerdem ermahnt, auf Luxus bezüglich der Bewaffnung, Kleidung und Pferden zu verzichten. Im Aufruf wurde die völlige Zerstörung der nationes (des Kollektivums der Wenden) vor die Bekehrung gesetzt. In einem zweiten Aufruf stellte er die Zerstörung des heidnischen Kults vor die Vernichtung der natio.  Ähnlich klingt ein Appell, den Papst Eugen III. am 11.04.1147 in Troyes verkündete. Eugen redet hier von der großen Resonanz des Aufrufs zur Niederwerfung der Ungläubigen und Befreiung der östlichen Kirche:
Neben dem Orientkreuzzug begehrten andere dieser heiligen Mühe und Bekehrung teilhaftig zu werden, indem sie gegen die Slawen und sonstigen Heiden im Norden ziehen und sie mit Gotteshilfe der christlichen Religion zu unterwerfen suchen.
Als Belohnung winke auch nach Eugens Worten der Sündennachlaß. Ebenso wie Bernhard von Clairvaux befürchtete Eugen, daß wegen weltlicher Gewinne das eigentliche Ziel des Kreuzzugs aus den Augen verloren werden könnte. Mit der Androhung der Exkommunikation,  d. h., der Androhung des Bannes verbietet er den Kreuzzugteilnehmern von den Slawen Geld oder andere Vergütungen anzunehmen und dafür zuzulassen, daß sie in ihrem Unglauben verharren.
Sowohl Bernhard als auch Eugen beauftragten führende Kirchenmänner den korrekten Ablauf des Kreuzzugs sicherzustellen. Gleichzeitig verfolgte der Papst aber auch machtpolitische Interessen im sächsischen Einflußbereich:
Die Gelegenheit der Verpflanzung des Kreuzzugsgedankens in die Ostsseeregion wurde vom Papst genutzt, um die Verbindungen mit Rom zu festigen, auf der päpstlichen Suprematie zu beharren und die örtlichen Kirchen materiell wie psychologisch zu stützen.

Zeitgenössische Chronisten sahen im Wendenkreuzzug schließlich einen Defensivkrieg.
Die Kreuzfahrer wollten die Mordtaten und Heimsuchungen rächen, welche Christen, insbesondere die Dänen, von den Wenden erlitten hätten, zitiert Lotter Helmold von Bosau. Die Kreuzfahrer hätten im übrigen die Absicht gehabt, die Wenden wieder näher an die christliche Religion heranzuführen von der sie fast ganz abgefallen sein, so die Bemerkung eines Pöhlder Annalisten. Übereinstimmend mit Helmold stellte auch dieser Zeitgenosse allerdings in maßloser Übertreibung fest, daß der Zweck des Unternehmens darin bestehe, die ruchlosen Freveltaten der jenseits der Elbe wohnenden Slawen zu unterbinden, da durch sie das Volk der Dänen in unaufhörlichen Blutbädern schon nahezu vernichtet worden sei.
Keine Bekehrung forderte Heinrich der Löwe von den Wenden. Er hätte die Slawen mit seiner Kriegsmacht so niedergeworfen, daß sie ihm am Ende alles zugestanden haben würden, was auch immer er gefordert hätte, wenn er ihnen nur Leben und Heimat ließe.  Jedoch förderte die Devise „Taufe oder Tod" schließlich noch im Jahre 1163 die nachträgliche religiöse Rechtfertigung der Eroberungspolitik Heinrich des Löwen.
Mit kurzen Stichworten umschreiben lassen sich die allgemeinen Gründe für eine Kreuzzugsteilnahme der verschiedenen Schichten:
n Adel: Eroberung von neuem Land
n Bauern: Ackerboden und Sicherheit vor Ausbeutung
n italienische Hafenstädte: Sicherung von Privilegien im Orienthandel
n Papsttum: Erhöhung von Macht und Ansehen sowie Einflußnahme auf östliche Kirche
Die Kreuzzugsstimmung wurde schließlich von den Feudalgewalten Sachsens, Dänemarks, Polens und Böhmens auch dazu genutzt, um die Eroberungsabsichten gegenüber den nordwestslawischen Völker zu rechtfertigen.
Recht unterschiedlich lagen die Interessensphären der beteiligten Adeligen und Kleriker:
Abt Wibald von Corvey wollte die klösterlichen Ansprüche auf Rügen durchsetzen. Bischof Anselm von Havelberg forderte die Rückkehr in das im Jahre 983 beim Slawenaufstand verlorengegangene Bistum Havelberg auf lutizischem Gebiet. Der Magdeburger Erzbischof beanspruchte das Gebiet des pommerschen Herzogtums und Bistums.
Das obodritische Gebiet wollte sich Heinrich der Löwe einverleiben. Albrecht der Bär wollte sein Lehen in der Nordmark um das Areal der Lutizen nördlich des Peene-Oderraumes erweitern. Das feudale Polen beteiligte aufgrund der Interessenkollision mit den Askaniern an der Odermündung am Kreuzzug. Der dänische König Waldemar wollte Einfluß auf Rügen und das südliche Ostseegebiet gewinnen sowie die slawische Piraterie ausschalten.
Der Verlauf des Wendenkreuzzuges in kurzer Zusammenfassung:
Das sächsische Kreuzfahrerheer sammelte sich am 29 Juni 1147 in Magdeburg. Gleichzeitig entsandten auch die Dänen  eine Flotte gegen die Slawen.
Der Wendenkreuzzug verlief jedoch ganz im Gegenteil von den Vorstellungen seiner Initiatoren, denn nicht nur die slawischen Bauern leisteten Widerstand, auch der Adel nördlich der Saalemündung siedelnden Westslawen fühlte sich bedroht und mobilisierte zur Gegenwehr. Zwar konnten die Kreuzzugsheere in das slawische Gebiet vordringen, dort aber keinen entscheidenden Erfolg erzielen.
Obodritenfürst Niklot ließ die Feste Dobin am Schweriner See zu einer Fluchtburg für die Bewohner des Umlandes ausbauen. Durch einen Vorstoß nach Wagrien kam Niklot den Kreuzfahrern zuvor. Er segelte die Trave flußaufwärts und verbrannte die im Lübecker Hafen liegenden Schiffe. Niklots Reiterscharen zerstörten außerdem die in Wagrien entstandenen Siedlungen. Als der in Wagrien regierende Graf Albert Truppen zum Gegenangriff entsandte, trat Niklot mit seiner Flotte den Rückzug an.
Der größere Teil des Kreuzfahrerheeres wandte sich unter Führung der sächsischen Adligen Albrechts des Bären, Konrads von Meißen und Anselm von Havelberg gegen Vorpommern  und nicht gegen die östlich der Elbe ansässigen heidnischen Lutizen.
Das Heer belagerte vergeblich Demmin. Vor Stettin löste es sich endgültig auf, nachdem Bischof Adalbert einen Angriff der Kreuzfahrer vereitelte und Fürst Ratibor von Stettin Zusagen für die weitere Christianisierung des Landes gab.
Denn bereits in den 20er Jahren des 12. Jahrhundert wurde Stettin christlich. Bei der Belagerung durch das Kreuzfahrerheer setzten die Einwohner der Stadt als Zeichen ihrer chrsitlichen Gesinnung ein Kreuz auf die Burgmauern und fügten an, um sie im christlichen Glauben zu festigen, hätte dies nicht durch Waffengewalt, sondern durch die Predigten der Bischöfe geschehen müssen. Die Sachsen hätten ein so großes Heer aufgeboten, mehr um Land wegzunehmen, als um die Einwohner im Glauben zu festigen.
Das zweite Heer, daß sich unter Führung Heinrichs des Löwen, Konrads von Zähringen und des Erzbischofs Adalbert von Bremen gegen die Obodriten richtete, geriet in scharfen Gegensatz zu den Dänen.  Da die Obodriten unerwartete Unterstützung von den Ranen bekamen, die einen Großteil der dänischen Flotte vernichteten, hätte die Auseinandersetzung in aller Härte fortgesetzt werden müssen. Eine weitere Verwüstung des Landes widersprach allerdings den ökonomischen Interessen der sächsischen Fürsten, die mögliche Einnahmequellen in Form von Tributen gefährdet sahen .
Nicht hoch bewertet wurden selbst von den Zeitgenossen die Ergebnisse des im Herbst 1147 abgebrochenen Wendenkreuzzugs. Der Grund für den erfolglosen Ausgang lag insbesondere in den Interessenkollisionen und den politischen Zielen der Teilnehmer, die selten abgestimmte Aktionen erlaubten. Zudem standen -wie bereits erwähnt- die wirtschaftlichen Interessen der Kreuzfahrer im Widerspruch zu den Zerstörungen und Verwüstungen:
Ist nicht das Land, das wir verheeren, unser? Und das Volk, das wir bekämpfen, unser Volk? Warum zeigen wir uns denn als unsere eigenen Feinde und als Zerstörer unserer eigenen Einkünfte? Wirken diese Verluste nicht auf unsere Lehnsherren zurück?
Diese Fragen legte der Chronist Helmold den Kreuzrittern, darunter Markgraf Albert und den Vasallen Heinrichs des Löwen in den Mund. Der Zwiespalt sorgte für eine Übereinkunft der Waffenruhe zwischen Kreuzfahrern und Slawen, nach der alle Gefangenen freigelassen werden und sich alle Slawen taufen lassen sollten. Einen weiteren Rolle für das Einlenken der Okkupanten spielte schließlich auch der erfolgreiche Widerstand der angegriffenen Slawen.
Die Resultate des Wendenkreuzzuges sind die Errichtung deutscher Herrschaften in der Prignitz und im Rhingebiet sowie die Wiederherstellung des Havelberger Bistums. Darüber hinaus konnten die Bistümer Mecklenburg und Oldenburg im Jahre 1149 reaktiviert werden.
Joachim Herrmann folgerte: Für die slawischen Bewohner in Wagrien, im Obodritenland und im südlichen Lutizengebiet brachte dieser Krieg Verheerungen und Verwüstungen, er dezimierte die Bevölkerung und zerstörte ihre Produktivkräfte, was die Widerstandskraft der slawischen Bevölkerung in diesen Gebieten für die Zukunft lähmen mußte.

4.3 Die systematische Eroberung des nordwestslawischen Siedlungsraumes

Ein Fürst sagte zu einem anderen: ‘Siehst Du diesen festen, hochragenden Bau? Laß Dir vorhersagen, das wird ein Joch für das ganze Land! Von hier werden sie ausrücken, erst Plön brechen, dann Oldenburg und Lübeck, endlich die Trave überschreiten und Ratzeburg mit ganz Polabien erobern. Doch auch das Land der Abodriten wird ihren Händen nicht entgehen.’ Jener antwortete: ‘Wer hat uns dieses Unglück denn bereitet und dem König diesen Berg preisgegeben?’ Darauf der Fürst: ‘Siehst Du den kleinen Kahlkopf dort beim König stehen? Der hat dieses ganze Unglück über uns gebracht!"
Das Gespräch zwischen zwei slawischen Fürsten könnte eine Erfindung des Chronisten Helmold von Bosau sein. Es beschreibt jedoch zutreffend die Situation Mitte der 60er Jahre des 11. Jahrhunderts, als der Chronist Helmold seine Slawenchronik verfaßte.
Mit der Neugründung Lübecks im Jahre 1159 schuf sich Heinrich der Löwe die politischen und ökonomischen Voraussetzungen, um seinen Machtbereich bis zur Peene auszudehnen . Ziel war unter anderem die Unterwerfung des Obodritenreiches, womit er auch den letzten Teil der sächsischen Grenzmark seiner Herrschaft unterordnen wollte. Heinrichs territoriale Interessen in Vorpommern überschnitten sich denen vom Dänenkönig Waldemar I., der seinen Herrschaftsraum in der Ostsee erweitern wollte. An die Stelle des sächsisch-dänischen Bündnisses traten daher zeitweilig auch sächsisch-slawische Bündnisse gegen die Dänen.
Durch die Teilnahme Heinrichs am Italienfeldzug Friedrich des I.  im Jahre 1159 wurde ein Frieden zwischen Sachsen, Dänen und Slawen erforderlich. Durch Eid verpflichtete Heinrich der Löwe den Obodritenfürst Niklot und andere slawische Fürsten Frieden zu halten sowie zur Auslieferung ihrer Schiffe an seine Beauftragten in Lübeck.
Die Obodriten lieferten jedoch nur alte und unbrauchbare Schiffe ab und konnten so ihre Angriffe auf die dänische Küste erneuern.
Nachdem Heinrich im August 1160 zurückgekehrt war, lud er die Slawenfürsten zum Landtag in den nordöstlich von Lüneburg gelegenen Ort Barförde. Diese folgten seiner Aufforderung jedoch nicht und Heinrich sprach die Acht über sie aus.
Für den Spätsommer des Jahres plante der Sachsenherzog einen gemeinsamen Eroberungszug mit König Waldemar. Wie schon beim Wendenkreuzzug 1147 versuchte Niklot seinen Gegnern mit einem Angriff auf Lübeck zuvorzukommen. Der Versuch scheiterte jedoch.
Heinrich der Löwe drang mit einem großen Heer in das Land der Obodriten ein, während eine dänische Flotte die mecklenburgische Küste heimsuchte.
Niklot mußte sich zurückziehen und setzte die Burgen Ilow , Mecklenburg, Schwerin und Dobin in Brand. Geschützt durch den Fluß Warnow führte er von der Festung Werle einen Kleinkrieg gegen das vorrückende sächsische Heer. Niklot unternahm -nachdem seine beiden Söhne Pribislaw und Wratislaw bei Mecklenburg eine Niederlage einstecken mußten- einen Vorstoß. Hierbei wurde er von sächsischen Rittern, die als Troßknechte verkleidet waren, in einen Hinterhalt gelockt und im Kampf erschlagen. Sein Haupt führten die Sachsen als Beute mit sich.
Mit dem Tode Niklots, des klugen und konsequenten Führers des Obodritenvolkes, hörte deren Staat auf zu existieren.
Nachfolgend brach der slawische Widerstand schnell zusammen. Seine beiden Söhne steckten die Burg Werle in Brand und zogen sich in das Landesinnere zurück. Nur kurze Zeit später schlossen sie mit Heinrich Frieden, behielten lediglich die Gebiete von Kessin und Zirzipanien mit der Burg Werle, die sie vom Welfenherzog als Lehen bekamen. Der sächsiche Herzog teilte den obodritischen Staat auf und setzte in den slawischen Fürstenburgen sächsische Ministerialen ein.
In Verhandlungen mit dem Dänenkönig Waldemar, der zwischenzeitlich Rostock geplündert hatte, gelang es Heinrich eine Festsetzung der Dänen in Mecklenburg zu vermeiden. Diese segelten weiter in das vorpommersch-rügische Gebiet und unterwarfen die Ranen.
Nach dem Übertritt ihrer Fürsten zum Christentum und zur Bündnispolitik mit deutschen Feudalherren fand die slawische Bevölkerung den stärksten Rückhalt für ihren Widerstand im heidnischen Kult. Auf einer sogenannten Missionsreise im Jahre 1156 gingen die Vertreter der christlichen Kirche mit Brutalität und Gewalt gegen die Einrichtungen des Kults vor. Ziele der Politik Ende der 50er Jahre des 12. Jahrhunderts von Heinrich den Löwen waren die slawischen Gebiete in Mecklenburg. Diese versuchte er seinem Herzogtum fest einzuordnen.
Zur Eingliederung des eroberten Landes nutzte Heinrich der Löwe die vorhandene slawische Burgwardverfassung als Grundlage. Die Aufgabe der sächsischen Ministerialen (siehe auch Kapitel 4.4), die Heinrich in den Landeszentren einsetzte, bestand in der militärischen Sicherung und der Verwaltung der umliegenden Gebiete.
Im Frühjahr 1163 unternahmen Pribislaw und Wratislaw -die Söhne Niklots- noch einmal den Versuch, das Obodritenland von der Fremdherrschaft zu befreien. Ihren Angriff kam Heinrich durch einen Vorstoß auf die Burg Werle zuvor. Erstmals setzte er hier Belagerungsmaschinen - einen Rammbock und einen hölzernen Turm - ein.
Sogleich ließ er aus dem dichten Walde Holz herbeibringen und Kriegsmaschinen errichten in der Bauweise, wie er  sie vor Crema und Mailand gesehen hatte. Er stellte sehr wirksame Maschinen her: Eine aus starken Balken sollte Breschen in die Mauern legen, die andere, höher aufragend nach Art eines Turmes, überhöhte die Burg, um Pfeile hineinzuschießen und die Leute zu vertreiben, die auf den Brustwehren standen.
Das zeitgenössiche Zitat verdeutlicht, daß gegen die Slawen bereits moderne Belagerungstechniken eingesetzt wurden.
Der Welfenherzog eroberte die Festung, nahm Wradislaw gefangen und schloß mit Pribislaw -unter hohen Auflagen- Frieden.
Außerdem stellte Heinrich der Löwe fest, daß eine Befriedung Mecklenburgs nur möglich ist, wenn er auch das angrenzende Vorpommern kontrolliert, in dem die Obodritenfürsten immer wieder Zuflucht und Hilfe fanden. Er zwang daher nachfolgend in Wolgast auch die Ranen seine Lehnshoheit anzuerkennen. Der Welfe nahm gleichzeitig in Kauf, in die Interessensphäre des Dänenkönigs Waldemar einzudringen. Dieser zwang wiederum seinerseits die Rügener, die dänische Oberhoheit anzuerkennen.
Im Februar 1164 erhoben sich die Obodriten erneut. Pribislaw begann auf Veranlassung seines gefangen Bruders mit Unterstützung der Pommernfürsten einen Feldzug. Er bezwang die Festung Mecklenburg und nahm nach blutigen Kämpfen die Frauen und Kinder der flämischen Bewohner des Ortes gefangen.
Probislaws selbst soll sich an die Burgbesatzungen mit folgenden Worte gewandt haben:
An mir wie an meinem Volke ist große Gewalttat verübt, ihr Männer; wir sind aus unserer Heimat vertrieben, und unseres väterlichen Erbes beraubt. Ihr selbst habt dieses Unrecht noch vermehrt, da  ihr in unser Land gefallen seit und Burgen und Dörfer besetzt habt, die nach der Erbfolge uns zustehen.
Darüber hinaus forderte er auch die slawischen Einwohner der Burg Ilow auf, sich mit ihm zu verbünden und ihm die Burg zu übergeben:
Ihr wißt alle, wieviel Unheil und Bedrückung unser Volk durch die gewalttätige Macht des Herzogs erlitten hat, die er gegen uns ausübt, indem er uns das Erbe unserer Väter genommen und in all ihren Landen Einwanderer angesetzt hat, Flamen und Holländer, Sachsen und Westfalen sowie Leute anderer Herkunft. Dieses Unrecht hat mein Vater bis an seinen Tod erbittert empfunden, auch mein Bruder wird eben darum in ewiger Haft gehalten, und keiner blieb nach der an das Wohl unseres Volkes denkt und es aus Trümmern wieder aufrufen als ich allein. Geht also in euch, ihr Männer des verbliebenen Restes der Slawen, ...
Wiederum verbündeten sich Sachsen und Dänen. Mit einem großen Heer  zog der sächsische Herzog im Sommer 1164 gegen Pribislaw in den Krieg. Bei der slawischen Ortschaft Malchow ließ Heinrich den gefangenen Wratislaw demonstrativ aufhängen.
Die entscheidende Schlacht westlich von Demmin konnten die Sachsen -obwohl zahlenmäßig unterlegen- für sich entscheiden. Pribislaw, der sich mit dem Pommernfürsten Bogislaw I. und Kasimir I. verbündete, soll hohe Verluste erlitten haben.
Nach der Niederlage floh Pribislaw zu den Pommernfürsten unternahm allerdings nachfolgend zahlreiche Beutezüge in den Grafschaften Schwerin und Ratzeburg. Nach dem Friedensschluß wurde das Gebiet von Wolgast unter mehreren slawischen Fürsten geteilt, allerdings unter dänischer Oberhoheit. Heinrich der Löwe behielt das obodritische Land. Ebenso haben die pommerschen Fürsten Kasimir von Demmin und Bogislaw von Stettin die Lehnshoheit des Herzogs anerkannt.
Das Land der Obotriten wurde in diesen Kämpfen der 60er Jahre stark verwüstet, die Bevölkerung dezimiert; viele Slawen gerieten in Gefangenschaft bzw. flüchteten nach Pommern und zu den Dänen.
Als Heinrich der Löwe nach neuen Kämpfen gegen sächsische Fürsten seine Herrschaft bedroht sah, gab er dem Obodritenherrscher Pribislaw im Jahre 1167 einen Großteil des eroberten Landes als Lehen zurück. Hiermit wollte er sich die Neutralität des Slawenfürsten sichern. Lediglich Schwerin sollte als Lebensbesitz dem sächsischen Grafen Gunzelin von Hagen gehören. Der Obodritenfürst konnte in Lehnsabhängigkeit seine reduzierte Macht behaupten.
Pribislaw war in der Folgezeit ein treuer Vasall Heinrichs und vermutlich auch zum Christentum übergetreten. Heinrich der Löwe verheiratete seine illegitime Tochter Mathilde mit Heinrich Borwin, dem ältesten Sohn Pribislaws.

Mit der Neuordnung des Jahres 1167 gab Heinrich den Plan auf, das eroberte Obodritenland mit sächsischen Adel und Ministerialen in  direkte Verwaltung zu nehmen.
Durch innere Auseinandersetzungen in Sachsen konnte Heinrich im Jahre 1168 nicht am Rügenfeldzug von Waldemar teilnehmen. Hieran beteiligten sich jetzt Pribislaw und die Pommernfürsten  auf Weisung des Welfenherzogs. Durch die Zerstörung der Tempelburg Arkona und der Zerstörung des Standbilds vom Gott Svantovit konnte Waldemar die Insel unterwerfen. Da sich Waldemar weigerte, die Hälfte der Insel und des Tributs an Heinrich abzutreten, kam es zum Zerwürfnis zwischen den beiden Herrschern. Nach von Heinrich angeordneten Plünderungszügen der Slawen an der dänischen Küste sowie im Gegenzug der Dänen in Mecklenburg und Wagrien., kam es im Juni 1171 wiederum zum Friedensschluß. Waldemar erfüllte Heinrichs Forderungen , betonte dabei aber gleichzeitig, daß er ein gleichberechtigter Partner sei.
Die Hochzeit zwischen dem Dänenprinzen Knut und Heinrichs Tochter Gertrud sicherte sich dem Sachsenherzog eine langfristige Stabilität im Ostseeraum.

Neben dem Landausbau regelte Heinrich auch die rechtlichen Verhältnisse in den Bistümern Lübeck, Ratzeburg und Schwerin. Durch die Befreiung von weltlichen Abgaben  für ihren kirchlichen Besitzstand, besaßen die Bistümer nun auch fiskalische Immunität.


Abb. 3: Die Expansion Heinrichs des Löwen

Heinrich schuf damit ein geschlossenes Herrschaftsgebiet, dessen durch fortschreitende deutsche Besiedlung gesteigerte Abgaben und militärische Dienste wesentlich zur Festigung seiner Macht beitrugen.
Insgesamt sechsmal fiel der Heinrich der Löwe zwischen den Jahren 1157 und 1177 in den Ländern der nordwestslawischen Völkern ein, mit dem Ziel seinen Machtbereich weiter nach Osten auszudehnen. Verheerend sollen dabei die Auswirkungen gewesen sein.
Das ganze Obodritenland und die zum Herrschaftsgebiet der Obodriten gehörenden Nachbarländer waren durch die dauernden Kriege, besonders aber durch den letzten,  völlig zur Einöde gemacht. ... Letzte Reste der Slawen ... wurden durch den Mangel an Getreide und die Verwüstung der Äcker so von Hungersnot heimgesucht, daß sie scharenweise zu den Pommern oder den Dänen flüchten mußten, die sie erbarmungslos an Polen, Sorben und Böhmen verkauften.
Die Darstellung des Helmold von Bosau ist zwar übertrieben, zumal der Chronist am Ende seines Werkes auf die Siedlungstätigkeit der verbliebenen slawischen Bevölkerung berichtet, doch weist die intensive Siedlung deutscher Bauern im westlichen Mecklenburg auf die dortige Dezimierung und Vertreibung der slawischen Bevölkerung hin.

4.4 Ausbeutungsformen der Eroberer

Die Erfahrung erfolgreicher Eroberungen und Kolonisierungen prägte das Bewußtsein von Fürsten, Herren und Klerikern, und so neigten sie zur Erwartung oder Vorwegnahme einer Zukunft, in der immer neue Herrschaften gewaltsam errichtet, immer weitere Gebiete gerodet und besiedelt und immer größere Einnahmen aus Tributen, Steuern, Pachtzins und Zehnten erzielt würden.
So war auch bei allen Kriegszügen, die Heinrich der Löwe in slawische Ländereien unternommen hatte, niemals vom Christentum, sondern immer nur vom Geld die Rede gewesen. Dies stellte der Chronist Helmold von Bosau fest.
Der harte Druck durch die Tributpflicht begründet unter anderem den Widerstand der Slawen gegen die Annahme des Christentums. Als sich Heinrich 1156 im Rahmen eines Landtages auf der Ertheneburg am alten Elbübergang aufhielt und auf Drängen von Bischof Gerold die anwesenden Slawenfürsten zur Annnahme des Christentums aufforderte, erwiderte ihm der Obodritenfürst Niklot:
 Der Herr, der im Himmelreich ist, sei Dein Gott, Du sollst unser Gott sein, das genügt uns.
Hieraus läßt sich eine schwerwiegende Kritik Niklots an den hohen Tributforderungen der Sachsen interpretieren. Wenn man seinem Volk jedoch die gleichen Rechte bezüglich der Besitzungen und Einkünfte einräumen würde, wie den Sachsen, dann würde man gern Christ werden, Kirchen bauen und den Zehnt zahlen.
Erstmals wurden hier Forderungen nach Gleichberechtigung vom Fürsten Pribislaw geäußert. Dieser prangerte ebenfalls die Ausbeutung im Jahre 1156 vor dem Lübecker Bischof Gerold an:
... Eure Fürsten nämlich verfahren  mit solcher Strenge gegen uns, daß wegen des großen Druckes der Abgaben und der harten Knechtschaft uns der Tod lieber ist, als das Leben. Siehe, in diesem Jahr haben wir, die Bewohner dieses kleinen Erdenwinkels, dem Herzoge ganze 1000 Mark bezahlt, dazu dem Grafen ebenso viele Hunderte, und doch sind wir noch nicht darüber weg, sondern werden noch tagtäglich gepreßt und gedrängt, so daß wir fast ganz zugrunde gerichtet sind. ...
Das Zitat beruht auf die Abgaben die den Slawen auferlegt wurden  Begründet aus dieser Abgabenlast holten sich die Slawen ihre Mittel aus der Piraterie, die von Heinrich dem Löwen geduldet wurde und mit seinem Wissen die Dänen traf.
Das Verhalten des Herzogs und der Grafen begründete Bischof Gerold. Denn diese seien angeblich der Meinung, von den Slawen unbedenklich Tribut verlangen zu können, solange diese nicht christlich getauft waren. Dies war eine fadenscheinige Aussage zumal der Welfenherzog auch die Bischöfe kaum unterstützte bezüglich ihres Unterhaltes und den Kirchenbau.  Nur widerwillig gab Heinrich der Löwe den Kirchen Land und bessere Arbeitsbedingungen. Daher war durch eine Übernahme des christlichen Glaubens wohl kaum mit einem Ende der Repressalien durch den sächsischen Adel zu rechnen gewesen. Dies wußten auch die Slawen.
Der Welfe stand längst in dem Ruf, nicht nur ein strenger, sondern auch ein geldgieriger Herrscher zu sein,  der immer und überall wo es nur ging Abgaben eintreiben ließ, damit er seine Kriegszüge finanzieren konnte.
Von den eingesetzten  Ministerialen erwartete er größeren Nutzen als von Lehnsleuten, denen er mehr Freiheiten hätte einräumen müssen. Doch gerade diese Ministerialen sind die sozialen Gewinner im Hochmittelalter. Als Dienstmänner in Wehr und Waffen fallen ihnen die unterschiedlichsten Verwaltungsaufgaben zu.
Der Anfang ist im frühen 12. Jahrhundert bei den unfreien Kriegern zu suchen, dann vollzieht sich über den qualifizierten Verwaltungsdienst ein sozialer Aufstieg.
Vereinzelt erwarben sie nach dem Jahr 1200 bereits Lehen.  Aber noch in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts konnten Ministerialen verschenkt oder vertauscht werden. Am Ende des 13. Jahrhunderts bildeten die Ministerialen den niederen Adel.
Die Schwachpunkte im Lehnswesen sollten mit den Ministerialen überbrückt werden. Denn recht schnell setzte sich die Erblichkeit des Lehens  durch. Die Lehnsleute begannen ihre eigene Politik zu machen und die Lehnspflichten mußten immer häufiger angemahnt werden. Konsequenz: Als Helfer standen die Vasallen nur noch eingeschränkt zur Verfügung. Die Ministerialen sollten hier für Abhilfe sorgen, da sie jederzeit abberufen werden konnten. Allerdings ergab sich das alte Problem bereits nach wenigen Generationen erneut, als die Ministerialen ihr „Dienstlehen" als erblichen Besitz betrachteten.
Die Erblichkeit der Lehen war die Voraussetzung zur Territorialisierung und der Bildung von Landesherrschaften.

Klerus und Klöster waren bei der feudalen Ostexpansion unentbehrlich -nicht nur wegen der Verbreitung des christlichen Glaubens sondern auch wegen den Lehren von fortschrittlichen handwerklichen und landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden.
Die Wenden mußten sowohl den Bischöfen als auch dem Herzog Abgaben leisten. Für jedes bebaute Stück Land das so groß war, daß es mit einem Pferd oder zwei Ochsen bewirtschaftet werden konnte, mußten drei Scheffel Weizen und zwölf Stück gängiger Münzwährung an das Bistum abgegeben werden.
Klagen kamen zum Teil auch von den Aussiedlern, die unter anderem aus Flandern, Westfalen, Südniedersachsen und Holstein kamen. Sie erwartete in Wagrien und Mecklenburg mehr Land sowie bessere Erträge. Durch die neue Besiedlung nahmen zwar die Zehntleistungen zu. In der Regel erhielten die Siedler allerdings Vergünstigungen bei den Abgaben an die kirchlichen und weltlichen Herren.
Doch kam es auch zu Streitigkeiten um die Zehntabgabe, wie zum Beispiel zwischen eingewanderten Holsteinern in Wagrien und der Kirche. Die Holsteiner wollten sich niemals unter das knechtische Joch begeben, weil das die Bischöfe fast der ganzen Christenheit aufgezwungen hätten. Außerdem kämen die Zehnten doch zumeist nicht der Kirche zugute, sondern wanderten in die Säckel der weltlichen Herren.
Um die Flucht der Bauern in benachbarte Länder zu unterbinden, vereinbarte hier Heinrich der Löwe mit dem Dänenkönig Waldemar, daß keiner die Überläufer des anderen  aufnehmen sollte.

4.5 Formen des Widerstands gegen die Eroberung

Zahlreiche slawische Aufstände richteten sich gegen die Expansion der benachbarten Feudalstaaten. Abwehrreaktionen riefen unter anderem hervor:
1.  die Tributforderungen vor allem der sächsischen Feudalherren und einiger slawischer Fürsten
2.  die militärische Expansion und die territorialen Eroberungen deutscher, polnischer und dänischer Feudalgewalten, wobei die Losung vom Kampf um das „väterlicher Erbe" eine mobilisierende Rolle spielte
3.  die Vertreter und Einrichtungen der christlichen Kirche sowie die Erhebung des Kirchenzehnten
4.  die Zentralisierungsbestrebungen einzelner slawischer Herrscher, die die politische Unabhängigkeit lokaler Stammesgruppen und Fürstengeschlechter brechen wollte
5.  die Versuche deutscher und slawischer Feudalherren, Formen und Einrichtungen der feudalen Ausbeutung auf die militärisch eroberten slawischen Siedlungsgebiete auszudehnen.
 


Abb. 4: Das Herrschaftgebiet der Lutizen und die slawischen Fürstenburgen

Im Abwehrkampf gegen die deutsche Eroberung des 10. Jahrhunderts schuf eine breite Schicht des burggesessenen und dörflichen Adels der Wilzen eine politische Organisation die im Jahre 983 beim sogenannten Slawenaufstand gegen die ottonischen Okkupanten erstmals aktiv wurde: den Lutizenbund. Der Kern des Bundes bestand aus den wilzischen Volksgruppen der Redarier , Tollenser, Kessiner und Zirzipanen. Eine breite Adelsschicht, Priester und Bauern wirkten bei der Herrschaftsausübung des Lutizenbundes mit.
In einem solchen Verband ohne Zentralgewalt mußte notwendigerweise der Kult zum zusammenschließenden Element werden, um so mehr als der Verband den Kampf um seine Freiheit im 10. Jahrhundert zugleich als Kampf gegen das Christentum führte.
Der Zusammenschluß war nicht auf herrschaftlich, sondern föderativ strukturiert.  In Versammlungen wurde über innere und äußere Angelegenheiten, Verteidigungsmaßnahmen und Kriegszüge entschieden. Mittelpunkt des Bundes war die Tempelburg Rethra .
Seine Macht entfaltete der Lutizenbund bis zur Mitte des 11. Jahrhundert. Nachfolgend verlor er an Bedeutung und ging spurlos unter.
In den deutsch-polnischen Kriegen zwischen den Jahren 1004 und 1031 spielte er eine wichtige Rolle als Bündnispartner der deutschen Könige. Als Folge einer Fehde zwischen Kessiner und Zirzipanen einerseits sowie Tollenser und Redarier auf der anderen Seite, kamen die beiden nördlichen Areale des Bundes in das Herrschaftsgebiet des Obodritenreichs von Gottschalk. Nach einmal aktiv wurde der Bund beim Aufstand gegen Gottschalk im Jahre 1066.
Zunächst war also der Lutizenbund ein Kultverband mit zentraler Stätte. Gegen die mit der deutschen Expansion ins Elbe-Ostseegebiet getragene Christianisierung wendete sich diese höhere Stufe des Tempelkults mit einem gut organisierten Priestertum der Slawen.
Die Priester von Arkona und Rethra waren nicht nur Diener des Gottes, sondern Diplomaten, Menschen, die die politischen Verhältnisse in ihrer Umwelt überschauten und sie in ihre Berechnungen einbezogen. Geschickt nutzten die Priester des Lutizenbundes in Rethra die Auseinandersetzungen zwischen polnischem und deutschen Feudalstaat aus, kämpften im Bündnis mit den deutschen Königen Heinrich II. und Konrad II. zwischen 1003 und 1033 gegen Polen und griffen im 11. Jahrhundert entscheidend in den Prozeß der Staatsbildung bei den Obodriten ein. Da Staatsbildung und deutsche oder polnische Eroberung für die Mehrheit ihres Volkes gleichbedeutend mit Christianisierung und diese wiederum mit Zins und Abgaben verbunden war, wurde, wie in keinem anderen slawischen Gebiet, die heidnische Religion, die Veehrung der heidnischen Götter, entwickelt und im Tempelkult institutionalisiert.
Die Entstehung einer hierarchischen Priesterkaste und der Tempelbau ersetzen den alten Naturkult. Die Religion wird dabei nicht nur zum ideologischen Ausdruck eines heftigen politischen Kampfes, sondern bringt hier auch den Versuch hervor, dem Vorbild der christlichen Kirche -allerdings nur in bezug zur äußeren Organisation- nachzueifern.

Den Kampf um die Selbständigkeit verbanden die Slawen mit dem Widerstand gegen das Christentum, das für sie ja nur Unterjochung brachte.
Von den Slawen ist überliefert, daß es ebenso viele Tempel gab, wie Regionen vorhanden waren. Der Tempelkult war offenbar Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und der regionalen Feste.
Zahlreiche lokale Gottheiten mit neuen Aufgaben haben sich aus ursprünglichen Göttern entwickelt.
Svarozic, der höchste Gott der Redarier, ist der erste namentlich erwähnte Gott der Elbslawen. Ihm dienten und opferten Priester. Im 11. Jahrhundert wird Svarozic vom Chronisten Adam von Bremen als Redigast  umschrieben. Gleiche Bezeichung wurde auch im 12. Jahrhundert von Helmold übernommen. Der ursprüngliche Name trat hier in den Hintergrund und der Name der Heimatburg der Redarier (Rethra) wurde auf den Gott übertragen. Es findet eine Metamorphose des ursprünglichen Sonnengottes Svarozic zu einer Lokalgottkeit statt, die die Bezeichung des Kultzentrums übernimmt. Aus der Naturgottheit Svarozic mit umfangreichen Aufgaben wird der Kriegsgott Redigast mit politischer Bedeutung für eine begrenzte Volkseinheit. Im Stammesverband der Lutizen gewann er eine solche Bedeutung, daß er auch von den benachbarten Obodriten anerkannt wurde. Geblieben sind vom ursprünglichen universellen Aufgabenbereich lediglich die Sonnenkultiere Pferd und Eber.
Nach dem noch im Jahre 1066 der Kopf des Bischofs Johannes von Marienburg dem Gott geopfert wurde, vernichteten zwei Jahre später die Sachsen den Kult des Redarier-Gottes.
Die Eigenschaften eines Kriegs- und Wirtschaftgottes vereinte Svantovit auf der Insel Rügen. Während sein Kult im 11. Jahrhundert noch weitgehend unbekannt war, gewann er in der ersten Hälfte des 12. Jahrhundert stark an Bedeutung, zumal er auf dem Festland keine ebenbürtige Konkurrenz mehr hatte.
Rügen wurde somit zum Hauptzentrum des slawischen Heidentums. Tribute und Geschenke erhielt die Gottheit auch von den Völkern des Festlandes. Außerdem wurde ein Drittel der Beute, die von Rügenslawen auf Piratenfahrten oder Kriegszügen gemacht wurde, dem Schatz des Gottes übergeben.
Besondere Attribute des Gottes waren ein Schwert, ein Sattel, ein Mundstück des Zaumes sowie ein heiliger Schimmel.  Durch die Macht der Priester auch in politischen Angelegenheiten mitreden zu dürfen, entstanden am Ende des slawischen Heidentums Ansätze zur Theokratie. Mit der Vernichtung des Tempel und Idol Svantovits durch die Dänen, die im Jahre 1168 Arkona eroberten, kam es zum Untergang der institutionalisierten slawischen Religion im Ostseegebiet.
Der dritte bedeutende slawische Kult des Gottes Triglav entstand im Gebiet der Odermündung. Die in Wolin und Stettin verehrte lokale Gottheit breitete ihren Kult bis hin nach Brandenburg aus und ging im Jahre 1136 mit der Taufe des pommerschen Fürsten Pribislaws und nach der Vernichtung des Tempels durch Bischof Otto von Bamberg unter.


 5. Die tragenden Kräfte der Expansion
 

5.1 Die Rolle des Adels

Mit der ersten Hälfte des 12. Jahrhundert begann eine neue Phase der Expansion. Statt loser Unterwerfung der slawischen Völker startete allen voran der sächsische Feudaladel den Versuch einer festen Integration des Gebiets zwischen Oder und Elbe in Landesherrschaften. Beteiligt waren hieran die Adelsgeschlechter der Wettiner, Askanier und Welfen ebenso wie die geistlichen Feudalgewalten der Erzbischöfe von Bremen und Magdeburg.
Den Grundstein für diese Integration legten die Feudalgewalten durch:
n politisch-militärische Okkupation
n Missionierung und Aufbau kirchlicher Organisation östlich der Elbe
n Forcierung der nachfolgenden bäuerlichen Siedlung
n Städtegründungen
Die deutsche Zentralgewalt blieb von diesem Land- und Machtzuwachs ausgeschlossen. Es profitierten also vorrangig die vom Königtum unabhängigen Landesherrschaften. Die fürstlichen Gewalten konnten insbesondere aufgrund der Machtkämpfe zwischen Papst und deutschen Königtum ihre Territorialherrschaften ausbauen.
Fürsten und Herzöge stießen mit ihrem Expansionsdrang auf eine breite Basis im niederen Adel. Ministerialen, verarmte Ritter und um ihre Stellung gebrachte kleine Feudalherren zogen bereitwillig in die Gebiete östlich der Elbe. Als Belohnung erhielten sie Grundbesitz, Burgen, Einkünfte und andere Rechte. Durch Druck und Versprechungen wurden Bauern, Handwerker und Kaufleute zur Migration -aus dem altdeutschen Siedlungsraum in das militärisch eroberte Gebiet zwischen Elbe, Saale und Oder- bewegt. Sie erhofften sich neben den besseren sozialen Lebensbedingungen und einer günstigeren Rechtsstellung bessere Produktions- und Absatzbedingungen.
Der eingewanderte Adel kann sich auf unterschiedliche Arten etablieren. Bartlett unterscheidet drei Formen der Adelsimmigration:
1.  Enteignung
Hier wird der einheimische Adel getötet, ins Exil vertrieben oder sozial abgestuft, während die Neuankömmlinge seine Position übernehmen.
2.  Assimilation
Die Immigranten werden von einheimischen Fürsten oder einer kirchlichen Institution angesiedelt, zum Teil mit einheimischen Erbinnen verheiratet. Sie erringen eine Machtposition ohne mit dem einheimischen Adel in einem Wettbewerb auf Leben und Tod zu treten.
3.  Neuerschließung
Durch den Aufbau von Rodungsherrschaften in den Nischenbereichen erschlossen sich die eingewanderten Aristokratien neue Ressourcen. Die Partizipation an den Kapitalströmen beruhte auf Urbanisierung und Kommerzialisierung.

Die Krieger, Kaufleute, Kleriker und Bauern des fränkischen Europa, die sich auf den Weg machten, andere Landstriche zu erobern und zu kolonisieren, nahmen natürlich ihren Kult mit. Es wurden außerdem besondere Technologien oder gesellschaftliche Organisationsformen entwickelt, die eine Expansion entscheidend begünstigten.
Einer der bemerkenswerteren Aspekte der Expansionsbewegung des 10. bis 13. Jahrhunderts besteht darin, daß westeuropäische Adlige ihre Heimatländer verließen, in neue Gegenden zogen, wo sie sich niederließen und, wenn sie Erfolg hatten, ihr Vermögen vergrößerten.
In den christlichen Königreichen Osteuropas benötigten die adligen Migranten für ihre Niederlassung nicht den Deckmantel des Kreuzzuges, da sie von den dortigen Herrschaftsschichten ins Land geholt wurden. Im Gebiet der heidnischen Slawen hingegen erfolgte die Landnahme über militärische Führer vor Ort, legitimiert durch Institution und Rhetorik der Kreuzzüge.
Das blutige, entbehrungsreiche Geschäft der Eroberung und Besiedlung erforderte entschlossene und selbstsüchtige Anführer. Und genau solche Figuren schossen in allen Teilen Europas im 12. und 13. Jahrhundert geradezu aus dem Boden. Manchmal handelte es sich um Männer ohne großen Hintergrund, doch oft waren sie auch schon in ihren Heimatländern Magnaten - und verfügten damit bereits über die Mittel, die eine weitere Expansion in vielen Fällen erst wahrscheinlich machen.

Eine Erklärung für die Adelsexpansion im 11. Jahrhundert ist das Gerangel um Vasallen und neue Lehen. Allgemeine Knappheit an Lehen aber auch die Verpflichtung der  Feudalherren ihren Vasallen Lehen zu gewähren, dokumentiert der Sachsenspiegel. Das Rechtsinstitut des Lehens bedeutete dabei nichts anderes, als für geleisteten Militärdienst Land zu erhalten.  Dieser Tausch verlieh dem Gefolgschaftswesen seine Dynamik. Die Hauptursache dieser Dynamik könne der vom Feudalismus erzeugte Druck sein. Demnach bestand das Expansionsbedürfnis aus zwei Hauptkomponenten:
1. dem Bedarf der Feudalherren an Kämpfern
2. der Forderung der Vasallen nach Lehen
Folgenden Kreislauf diagnostiziert der Historiker Robert Bartlett hieraus:
Je mehr Land man besaß, desto mehr Ritter konnte man mit Lehen versehen, und je mehr Ritter man hatte, desto leichter war es, neues Land zu erobern.
Die lokale Lehnsvergabe sorgte gleichzeitig für eine wirksame militärische Kontrolle der eroberten Gebiete.
Hiermit allein läßt sich die Adelsexpansion des fränkischen Europas jedoch nicht begründen. Denn die Schwundrate der europäischen Aristokratien durch niedrige Lebenserwartung, hohe Sterblichkeit und Gewalttätigkeiten hätte genügend Raum für einen Austausch innerhalb des Systems - ohne daß das System hätte nach außen expandieren müssen - ermöglichen können. Eingeengt bezogen auf den kinderreichen, landhungrigen niederen Adel, schien es jedoch nur die Alternative zwischen Verarmung oder Abenteuer zu geben.

Als ein weiterer Grund für das Expansionsstreben des 11., 12. und 13. Jahrhundert kann der Wandel innerhalb der Struktur der Adelsfamilien angeführt werden. Das Vorrecht des Erstgeborenen  trat immer mehr in den Vordergrund. Das heißt, nur eine Linie männlicher Nachkommen dominierte bei der Verteilung des väterlichen Erbteils.
Einer lebt im Überfluß und erwirbt das gesamte väterliche Eigentum, der andere dagegen beklagt, daß er leer ausgeht, arm wird und vom reichen väterlichen Erbe nichts abbekommt.

Mit den Lehen kam auch die Sprache des Feudalismus ins Land. Der Wortschatz der Völker an den Grenzen des fränkischen Europa nahm ursprünglich aus dem Französischen stammende Lehnsbegriffe für Ausrüstung und Gewohnheiten der berittenen Krieger auf.  Die sprachlichen Langzeitfolgen der Adelsimmigration hingen jedoch vom Ausmaß der sie begleitenden nichtadligen Siedler ab. Denn es gibt scheinbar keine Fälle in denen der migrierte Adel allein einen grundlegenden sprachlichen Wandel herbeiführte.

Je nach den Umständen des Eindringens schwankte die Frequenz an Feindseligkeiten zwischen Immigranten und Einheimischen. Faktor waren hier kulturelle Unterschiede sowie die unüberbrückbaren Differenzen zwischen Christen und Nichtchristen. Die an der Eroberung interessierten Eliten konnten sich durchaus mit dem einheimischen Adel vermischen und in ihm aufgehen.
Der Verdrängung des einheimischen Adels setzte dort aus, wo die ansässigen Dynastien den Einwanderungsprozeß kontrollierten, wie zum Beispiel in Ostmitteleuropa. Hier vollzog sich die Entwicklung ausgewogener.
Auch Ehen zwischen Immigranten und Einheimischen waren an der Tagesordnung, da es unter den Einwanderern einen erheblich Überschuß an Männern gab. Die Einheirat in mächtige ortsansässige Familien festigte zudem die eigene Position.
Die langfristigen Folgen der adligen Immigration waren abhängig vom Bevölkerungsanteil der Einwanderer. Eine Enteignungs- und Vertreibungspolitik war nur bei einer zahlenmäßigen Überlegenheit möglich.
 


Abb. 5: Die feudalen Adelswanderungen in Mitteleuropa
 

5.2 Die Rolle des Klerus

Parallel zu vielen anderen Expansionsbewegungen des Hochmittelalters kam es auch zu einer Gebietserweiterung des lateinisch geprägten Christentums.
Die Entwicklung der Expansion läßt sich über die Gründung neuer Bischofssitze auf der Landkarte verfolgen. Bei den Bistümern handelte es sich überwiegend um territoriale Einheiten.
Die lateinische Kirche war der Theorie nach ein zelluläres Gebilde, und die Zellen waren nichts anderes als die Bistümer.
Eine Beschreibung der Expansion des lateinischen Christentums ist daher die Vermehrung der Bistümer.
Östlich der Elbe stellte der deutsche Kaiser Otto I. die im Jahr 948 gegründeten Bistümer in den Dienst der ottonischen Eroberungen auf slawischen Gebiet, während sie im Norden das Christentum in Dänemark fördern sollten.
Mit der Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum sollte eine Metropolitankirche für alle bekehrten und noch zu bekehrenden Slawen geschaffen werden.
Gleichzeitig mit der Zurückdrängung des Islam im Mittelmeerraum drangen christliche Missionare und Eroberer in die letzten Bollwerke des einheimischen europäischen Heidentums östlich der Elbe und entlang der Ostseeküste ein.

Im 12. Jahrhundert waren die im Gebiet der Odermündung lebenden Pommern das erste westslawische Volk mit einem christlichen Bistum. Während der 20er Jahre des 12. Jahrhundert zerstörte der Bischof Otto von Bamberg Tempel und Idole der heimischen Gottheiten, baute Holzkirchen über die Trümmer und ließ Tausende von Pommern taufen. Als im Jahre 1147 das Kreuzfahrerheer vor den Toren Stettins stand, blieb die Stadt verschont. Denn: Die Pommern ließen an der Seite ihres neuen Bischofs ein Kreuz von der Stadtmauer herab, und so mußten die Kreuzfahrer, besiegt durch das Zeichen, das sie selbst so verehrten, anderen Beuteobjekten zuwenden.

Die Bistumsgründungen  im Mecklenburg des 12. Jahrhunderts lagen an gleicher Stelle, wo bereits einmal ältere Bistumsgründungen aus ottonischer Zeit bestanden, die jedoch nach dem Slawenaufstand von 983 wieder verloren gingen.
Mit der endgültigen Verankerung der deutschen Herrschaft durch den Markgrafen von Brandenburg, Albrecht der Bär und dem Sachsenherzog Heinrich der Löwe konnte das Gebiet zwischen Oder und Elbe definitiv in die lateinische Kirchneorganisation eingebunden werden.
Von Bekehrung kann man daher wohl kaum sprechen, doch vom späten 12. Jahrhundert an gab es zumindest offiziell keine Alternative zum Christentum mehr. Von der Elbe bis nach Ostpommern erstreckte sich nun ein Band neuerrichteter Diözesen.
Nach der Vernichtung des berühmten Tempels in Arkona auf Rügen durch dänische Truppe im Jahr 1168 gab es keine Tempel mehr.
Die wendischen Völker waren einem ständig steigenden politischen und kulturellen Druck ausgehend von den benachbarten christlichen Königreichen ausgesetzt, wobei auch die Elite der nordwestslawischen Krieger und Kaufleute schon vom Christentum durchdrungen war.

Ein Merkmal der westlichen Kirche bildete das Festhalten an einer Liturgiesprache und der Vorherrschaft einer Kultform. Die Westeuropäer schufen sich mit der Selbstbezeichnung „lateinisch"  ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Für eine militärische Expansion und massive Wanderungsbewegungen könne die Mitgliedschaft in einer liturgischen Gemeinschaft noch keinen hinreichenden Beweggrund darstellen. Der lateinischen Liturgie selbst sei kaum Expansionskraft zuzuschreiben. Wohl aber der Oktroyierung der Liturgie vom Papst und anderen interessierten Kreisen. Wachstum und Expansion seien leichter zu erklären, wenn man die lateinische Christenheit als Obedienz , die von einer aktiven Führung dominiert wird -gemeint ist hier die Autorität des Papstes-  versteht. Bestes Beispiel für einen päpstlich inszenierten Eroberungskrieg sind die Kreuzzüge.
Die Direktiven des Papstes setzten die Kreuzritterarmeen in Marsch, doch sie bedeuteten noch nicht die Einnahme muslimischer oder heidnischer Festungen.
Materielle und weltliche Aspekte dürften bei dieser Betrachtung nicht vernachlässigt werden. Das Ziel, die Grenzen der Kirche auszudehnen, verfolgten die Päpste in einer Welt, deren dynamisches Wachstum in materieller Hinsicht schon längst begonnen hatte.


 Exkurs: Die Rolle der Gewalt im Zusammenhang mit der Unterwerfung des slawischen Mecklenburgs

Der mittelalterliche Adel war in erster Linie eine Militäraristokratie, und die Adligen in der hochmittelalterlichen Diaspora waren geschulte Kämpfer.
Bereits im 8. Jahrhundert zeichnete sich die Überlegenheit des fränkischen Heeres ab. Der Übergang vom alten Volksaufgebot mit Fußkämpfern zur Kavallerie verbunden mit der Einführung des Steigbügels lieferten die technischen Voraussetzungen für den modernen Kampf zu Pferde.
Auch die größere Kriegsstärke und die eindeutig bessere Bewaffnung der Franken mit Brünne und Schwert verlieh ihnen Überlegenheit gegenüber Sachsen, Langobarden, Awaren und Slawen.
Die nachfolgende Expansion des fränkisch-sächsischen Adels ging schließlich ebenfalls mit der Verbreitung einer speziellen Militärtechnik einher. Diese Kriegsführung war zwischen den Jahren 950 und 1350 durch drei Hauptmerkmale gekennzeichnet:
1. die dominierende Position der schweren Reiterei
2. die steigende Essenz der Bogenschützen vor allem der Armbrustschützen
3. die Entwicklung von Befestigungs- und Belagerungstechniken
Das 11. und 12. Jahrhundert war das Zeitalter der neuen Burgen. Deren besonderes Merkmal war ihr relativ kleiner Durchmesser und ihr häufiges Auftreten in Grenzregionen, die unter starken militärischen Druck standen, wie zum Beispiel an der Grenze Sachsens zu den slawischen Ländern. Da sie keinen Zufluchtsort für ganze Siedlungsgemeinschaften darstellten, erforderten die neuen Burgen weniger Arbeit und konnten um so zahlreicher errichtet werden. Sie werden daher eher als Adelsburgen statt als Volksburgen bezeichnet. Schließlich dienten sie nur dem Adel als Wohnburg. Mit ihrer kleinen Besatzung und der großen Höhe konnte die Burg leicht verteidigt werden. Charakteristisch für das 11. und 12. Jahrhundert sind sogenannte Mottenburgen , die eine Fläche von lediglich 300 qm besitzen.


Abb. 6: Größenvergleich zwischen Volksburgen und Adelsburg im Mittelalter

Weitere Neuerung ist der Einsatz von Steinen beim Burgbau. Bis ins 12. Jahrhundert blieben Steinburgen äußerst rar, da sie wesentlich teurer waren und eine längere Bauzeit erforderten.
Die Fortschritte der Befestigungstechniken erforderten im Gegenzug auch eine Verbesserung der Belagerungstechniken. Die Hebelwurfmaschine  - eine Weiterentwicklung der Katapulte - basiert auf die Ausnutzung der Spannungsenergie.
Besonders die schweren Schleudermaschinen wirkten furchterregend, denn darauf gab es in der einheimischen Kriegführung keine Antwort.
Die militärische Überlegenheit der Deutschen beruhte auf die schwere Reiterei, Burgen aus Stein, Armbrüsten und Belagerungsmaschinen.

Ökonomische Bedingungen und Machtmittel verhelfen der „Gewalt" zum Sieg.
Die Gewalt wird durch die Wirtschaftslage bestimmt, die ihr Mittel zur Ausrüstung und Erhaltung ihrer Werkzeuge verschafft.
Auf fehlende Machtmittel deuten innere Auseinandersetzungen hin, die eine erfolgreiche Expansion in einem kurzen Zeitraum unmöglich machen. Die Auseinandersetzungen im eigenen sächsischen Lager sowie die Erkenntnis, daß ein wirtschaftlicher Erfolg sich nur mit einer Befriedung des eroberten Gebiets realisieren lasse, veranlaßten zum Beispiel Heinrich den Löwen mit seinem einstigen Gegner, dem Obodritenfürst Pribislaw zu versöhnen und ihn als einen zuverlässigen Vasallen in Mecklenburg zur künftigen Herrschaftssicherung einzusetzen.
Ökonomisch wenig Sinn ergab sich aus den Orientkreuzzügen, an denen sich der Welfenherzog nicht beteiligte. Ein derartiges kostspieliges und zugleich strapaziöses Unternehmen lediglich zum Seelenheil und Sündennachlaß konnte sich aus rein wirtschaftlicher Sicht -und selbst unter Berücksichtigung der potentiell zu erbeutenden Schätze- nicht auszahlen. Die ökonomischen Bedingungen reichten jedoch aus für den Wendenkreuzzug vor den eigenen Grenzen, von dem man sich außerdem auch langfristige Einnahmen versprechen durfte. Denn bezeichnenderweise waren alle Herrschaftsgründungen der Kreuzfahrer in Palästina bereits nach kurzer Zeit wieder gescheitert, während sich das feudale Engagement zwischen Oder und Elbe tatsächlich auf langfristiger Basis ökonomisch auszahlte.
Die Kriegführung hängt von der Produktivität und den Kommunikationsmitteln des eigenen Hinterlandes sowie des Kriegsschauplatzes ab. Fortschritte der Technik wurden verwendet, sobald sie militärisch nutzbar waren.
Bewaffnung, Zusammensetzung, Organisation, Taktik und Strategie hängen vor allem ab von der jeweiligen Produktionsstufe und den Kommunikationen.
Die Kommunikation innerhalb der abendländisch-christlichen Welt verschaffte Heinrich den Löwen Koalitionen und neue Waffentechniken. Beide Faktoren setzte er bei der Eroberung der slawischen Gebiete in Mecklenburg ein.


 6. Die Siedlungsmigration nach Mecklenburg-Vorpommern
 

6.1 Gründe der Siedlungsmigration

Die friesischen, niedersächsischen, flämischen und niederrheinischen Kolonisten, die das den Slawen entrissene Land östlich der Elbe in Bebauung nahmen, taten dies als freie Bauern unter sehr günstigen Zinssätzen, keineswegs aber in irgendeiner Art von Frondienst.  Dies stellte Friedrich Engels in seinem Werk „Die Rolle der Gewalt in der Geschichte"  fest und sah -beschränkt auf die Anfangszeiten- in der bäuerlichen Ansiedlung östlich der Elbe bedeutende wirtschaftliche Vorteile gegenüber ihren Nachbarn in den alten Siedelgebieten.
Die Neuansiedlungs-, Migrations-, und Kolonisierungsbewegungen des Hochmittelalters basierten auf ein Modell zur Gewinnung von Arbeitskräften, und nicht auf Knechtschaft und Gefangennahme. So trat an die Stelle der Zwangsrekrutierung der Versuch, Arbeitskräfte durch Schaffung attraktiver wirtschaftlicher und rechtlicher Rahmenbedingungen anzulocken.
Wenn Bauern durch Rodung ein neues Dorf besetzen, dann kann der Herr des Dorfes ihnen das Erbzinsrecht an diesem Gut geben, auch wenn sie nicht zu diesem Gut geboren wurden.
Mit der Änderung des Geburtsstandes wurden die Bauern zu Erbpächtern. Der Grundherr, der ebenso wie die Bauern sein Einkommen vergrößerte, gewährte diesen vorteilhaften Rechtsstatus als Gegenleistung für die Siedeltätigkeit.
Gezieltes feudales Unternehmertum war also ein wichtiger Faktor für die Erschließung neuer Areale.
Sonderkonditionen und Privilegien mußte den Siedlern eingeräumt werde, um einen Anreiz zur Migration zu geben. Die Grundherren mußten in den ersten Jahren auf Rechte und Einnahmen verzichten, damit die Siedlung lebensfähig und gewinnträchtig wurde. Der Grundzins und der Zehnt wurden niedriger angesetzt oder entfielen gänzlich. Doch auch nachfolgend war für das angebotene Land östlich der Elbe meistens eine niedrige und feste Zinssumme zu zahlen. Die Hofgröße lag außerdem deutlich über der im Altsiedelland. Zum Teil konnten sich die Bauern in Ostelbien der Befreiung von Hand- und Spanndiensten oder Heerfahrten für den Grundherren erfreuen.
Grundherren und Kolonisten entstammen in der Regel einer zusammengehörigen Kulturtradition mit einem  gemeinsamen Repertoire sozialer Techniken und Einstellungen bezüglich Landvermessung, der Landleihe auf urkundlicher Basis oder der Verfassung ländlicher Gemeinschaften.

Beeinflussend auf das bäuerliche Leben wirkten die von den Städten ausbreitenden Ware-Geld-Beziehungen in den alten Siedelgebieten. Denn um verstärkt am Handel teilnehmen zu können, drängten die Grundherren ihre Bauern zu einer Steigerung der Abgaben, während die Bauern ihren Ernteertrag stärker als zuvor verteidigen, um das erwirtschaftete Mehrprodukt in der Stadt absetzen zu können. Grundherrschaftliche Forderungen und Frondienste wirkten sich auf die bäuerliche Produktion störend und hemmend aus. Die Situation verschärfte sich zum Beispiel in Niedersachsen durch die Auflösung der bisherigen Villikationsverfassung.
Hierdurch wurden viele hörige Bauern frei und brauchten keine Abgaben oder Dienste mehr zu leisten. Jedoch mußten sie ihren Hufenbesitz gegen geringe Entschädigungen dem Grundherrn überlassen, der nun über das Landstück frei verfügen und gegen erhöhten Zins neu verleihen durfte. Eine ähnliche Wirtschaftspolitik verfolgten die Zisterzienserklöster, die keine gewohnheitsrechtlichen oder schriftlichen Normen festlegen ließen, um möglichst viel aus ihren Ländereien herauszuholen.

Weitere Gründe, die zur Freilassung von Bauern und deren nachfolgender Migration führten, war die Anwendung des Anerbenrechts. Es wurde hierbei nicht mehr jeder Erbe bedacht, sondern lediglich der älteste Sohn, um eine zu starke Zersplitterung des Grundbesitzes zu vermeiden. Als „ungehouede"  mußten sich diese Nachkommen neue Existenzmöglichkeiten suchen.
In den Gegenden mit einer Realerbteiluung unter allen erbberechtigten Söhnen kam es tatsächlich zu einer Zersplitterung des bäuerlichen Besitzes. Es kam vor, daß ein Bauerssohn nur noch ein Achtel einer Hufe besaß, was zur Bestreitung des Lebensunterhalts kaum reichte.
Für die Bauern gab es nur zwei Alternativen. Unter dem Motto „Stadtluft macht frei" wanderte die bäuerliche Schicht in die neuen Zentren, die auf den Zuzug angewiesen waren. Trotz Exkommunikation und dem Erlaß von Abzugs- und Aufnahmeverboten konnte eine Abwanderung in die Städte nicht verhindert werden.
Die bäuerliche Migration nach Osten war eine weitere Möglichkeit sich der feudalen Unterdrückung in den alten Siedelgebieten zu entziehen.

Im Zusammenhang mit der hochmittelalterlichen Expansionsbewegung stand ein langfristiges Bevölkerungswachstum, dessen Geschwindigkeit mit dem der frühen Neuzeit vergleichbar war. Das Wachstum ging Hand in Hand mit einer rapiden Urbanisierung und Emigration.
 

6.2 Anwerbung und Herkunft der Siedler

Aus dem Zentrum im Westen Europas fand eine Abwanderung zu den Randgebieten statt. Bestes Beispiel für die nach außen dringenden Migrationsbewegungen bildete Flandern. Frühzeitig entwickelte sich hier ein zentralistisches Feudalfürstentum. Zudem befand sich hier eine der wichtigsten Ansammlungen bedeutender Handels- und Gewerbestädte, und auch die Bevölkerungsstruktur war vermutlich dichter als in jeder anderen Region mit Ausnahme Italiens.
Im Hochmittelalter migrierten die Flamen über den ganzen europäischen Kontinent. Flämische Ritter, Soldaten und Handwerker konnten in Konstantinopel, Österreich, Schottland und bei den normannischen Eroberungen in England angetroffen werden. Nicht nur als Ritter, Söldner, Händler oder wichtiges Bevölkerungselement in den frühen Städten wurden die Flamen geschätzt. Willkommen waren die Flamen auch als bäuerliche Siedler wegen ihrer Erfahrung in der Trockenlegung von Böden.
Diesen Erfahrungsschatz machten sich die Flamen nun außerhalb ihres Staates zunutze. Im Jahre 1159 verkaufte der Abt Arnold von Ballenstedt einige Weiler nahe der Elbe, die zuvor von Slawen bewohnt waren. Die Immigranten fügten die kleineren Ansiedlungen zu einem großen Dorf in der Größe von 24 Hufen zusammen, in denen das flämische Recht  verankert wurde. Durch die starke Beteiligung von Flamen an der Besiedlung Ostelbiens nannte man eine der beiden Standardformen der Hufe auch „flämische Hufe". Dorfnamen wie Flemmingen, Familiennamen wie Fleming und niederländische Sprachreste weisen auf die Nachwirkungen flämischer  Kolonisierung hin. Neben den Flamen beteiligten sich auch die Niederländer  -die ebenfalls ihre Kenntnisse über Deichbau und  Trockenlegung mitbrachten- an den Wanderungen.

Lokatoren agierten als Mittelsmänner zwischen Grundherren und potentiellen Siedlern. Die Lokatoren übernahmen die Verantwortung für Logistik und technische Aspekte der Ansiedlung einschließlich der Siedlerwerbung und Landaufteilung. Im Gegenzug erhielten sie in den neuen Siedlungen Ländereien mit erblichen Privilegien sowie das Amt des Dorfschulzen (Dorfvorsteher), der in Gerichtsfällen einen Teil der Bußgelder und des eingezogenen Eigentums behalten durfte.
Die aus Flandern, den Niederlanden, Friesland, Holstein und Westfalen einwanderten Siedler erhielten gegenüber den ansässigen Obodriten Vorrechte, mit denen die deutsche Vormachtstellung gefestigt wurde.
Die Herkunft der Bauern avancierte zum bestimmenden Element für die Siedlungsanlage.  Die Neuankömmlinge ließen sich zum Teil in direkter Nachbarschaft zu den slawischen Siedlungen und Burgen nieder. Häufig gründeten sie Dörfer an frisch gerodeten Waldstücken oder Städte an Flußübergängen und den Buchten der Ostsee.

Wesentlichen Anteil an der Durchdringung des - bis in die Gegenwart - dünn besiedelten Landes, hatten die zahlreichen Klostergründungen. Insbesondere Zisterzienser und Prämonstratenser  brachten viele Arbeitskräfte mit sich. Die Mehrzahl der Zisterzen entstand durch Filiationen.
Wo sich Klöster ansiedelten, wurden sie zu Zentren der Neulanderschließung und Besiedlung. Im 13. Jahrhundert breitete sich zudem eine neue Welle von Bettel- und Predigerorden in Mecklenburg aus.


Abb. 7:  Die importierten Klosterniederlassungen in Mecklenburg-Vorpommern

Auch die landwirtschaftliche Erschließung schwer zugänglicher Siedlungsgebiete fiel in den Aufgabenbereich der Klöster des Zisterzienserordens, die von den Territorialherren mit Grundbesitz ausgestattet wurden.
Zu großem Reichtum und Grundbesitz gelangte das 1186 gegründete Doberaner Kloster. Pribislaws Sohn Heinrich Borwin gründete das Kloster im Jahre 1186.
Der Konvent dieses Klosters stammte aus dem niedersächsischen Amelungsborn bei Holzminden. Hintergrund dieser ersten Niederlassung der Zisterzienser in Mecklenburg könnte die Verbindung zum Mönch Berno aus Amelungsborn sein, der zwischen den Jahren 1154 und 1157 als Missionar nach Mecklenburg ging und dann nach der Errichtung des Bistums Schwerin im Jahre 1160 hier erster Bischof wurde. Das Kloster Amelungsborn erhielt nachfolgend Landbesitz im Jahre 1219 bei Satow, südlich von Doberan sowie 1233 bei Dranse an der mecklenburgischen Grenze südlich der Müritz mit der Auflage dort Siedler anzusetzen. Zur gleichen Bestimmung wurden den Doberaner Mönchen weitere Ländereien in Rakow und Bretwisch bei Grimmen (1232) sowie in Zechlin (1237) und Dränschenburg (1247) südlich von Ribnitz übereignet. Das Doberaner Kloster wiederum besetzte im Jahr 1209 das verödete Kloster Dargun. Das Tochterkloster Dargun erhielt Güter bei Stavenhagen (1226), auf der Insel Usedom (1242) und bei Neustrelitz (1256).
Derartige Ketten ließen sich beliebig weiterführen und sollen hier transparent darstellen, wie eng miteinander verzahnt die Beziehungen der kolonisatorischen Unternehmungen waren. Mutter- und Töchterklöster der Zisterzienser bildeten in Mecklenburg einen weitgespannten Rahmen.
Es waren auch andere sächsische Klöster an der Einflußnahme in Mecklenburg -darunter das Marienkloster vor Stade mit seiner Benediktinerniederlassung Dobbertin (1227), die Klöster Michaelstein sowie Wülfinghausen bei Hameln- beteiligt
Die ältesten Klöster Vorpommerns  entstanden zur Mitte des 12. Jahrhunderts in einem Umfeld, das noch weitgehend slawisch bestimmt war. Als Ausgangspunkte für den Herrschafts- und Landesausbau übernahmen die Klöster nicht ausschließlich die Aufgabe der Christianisierung. Noch keine Aussagen konnten über die Anfänge und Entwicklung des Dorfkirchenbaues in Mecklenburg-Vorpommern getroffen werden, da entsprechende Forschungen noch ausstehen.

Seit 1220 erhielt die Binnenkolonisation einen weiteren Aufschwung. Durch die Einrichtung eines Antoniusspitals in Tempzin wurde die Umgebung von Brüel nordwestlich von Schwerin erschlossen. Südlich von Rostock trafen im Jahr 1233 Siedler  bei Bützow und Schwann ein. Neue Dörfer enstanden ebenfalls um die Abteien in Dobbertin, der Stiftkirche in Güstrow und rings um Parchim. 1236 ließen sich holsteinische Siedler in Holzendorf bei Sternberg nieder.

Neben den Bewohnern Holsteins und Lauenburgs zogen auch westfälische Siedler nach Mecklenburg. Gründe hierfür waren religiöse Bindungen zwischen Mecklenburg und dem Kloster Amelungsborn sowie Wanderungen einzelner Adeliger. Ebenso lassen Ortsnamen, die Form der Hagendörfer und die niederdeutsche Mundart auf die Herkunft der mecklenburgischen Bevölkerung schließen, die in Verknüpfung mit dem Gebiet zwischen Harz, Weser und Niederrhein steht.


Abb. 8: Die Wanderungsbewegungen der Siedler

Insbesondere aufgrund der Wanderungen von Adeligen kann auch ein Bezug zur Herkunft der Siedler gestellt werden.

Weitere Rückschlüsse auf die Herkunft der Siedler erlauben darüber hinaus die Kolonisationsaufrufe der geistlichen und weltlichen Fürsten in Ostsachsen aus dem 12. Jahrhundert. Empfänger waren Klerus und Adel in den Regionen von Halberstadt, Corvey, Paderborn, Minden, Köln, Aachen, Lüttich, Lothringen und Flandern. Mit den Herkunftsregionen Westfalen und Friesland, die der Chronist Helmold aufzählt, könnte darüber hinaus das ganze westliche und nördliche Niedersachsen gemeint sein. Ebenfalls Möglichkeiten zur Erfassung der Siedlerzüge liefern Ortsnamen, die aus dem Westen in die slawischen Gebiete übertragen wurden.
 

6.3 Aufbau und Verlauf der Siedlungsmigration

Der Landesausbau von Mecklenburg und Vorpommern vollzog sich überwiegend im 13. Jahrhundert. Er bildete die östliche Fortsetzung der Besiedlung Holsteins und des Spree- und Havellandes.
Die Zuwanderung aus dem Westen begann mit der Niederlassung sächsischer Burgherren und Grafen in Mecklenburg.   Der Chronist Helmold sprach im Jahr 1171 bereits von der Verwandlung des Landes zwischen Eider und Schwerin in ein „unam Saxonum coloniam".  Betroffen waren vor allem die Gebiete Gadebusch, Wittenburg und später auch Dannenberg.
Während Pribislaw noch bestrebt war, die einheimische slawische Bevölkerung im Umkreis von Mecklenburg, Ilow und Rostock zu stärken, rief sein Sohn Heinrich Borwin im Jahre 1210 deutsche Siedler auf die Insel Poel , womit sich die Kolonisation auf die Küste im Nordwesten ausdehnte. So erlaubte der Fürst dem Zisterzienserkloster Doberan, Land zu erschließen, wo es noch keine Wendendörfer gab. Die ersten Siedler ließen sich insbesondere auf den schweren Böden und an den bewaldeten Küstenstreifen nieder.

Auskunft über den zeitlichen Ablauf der Besiedlung in Mecklenburg geben die Dorfformen und ihre Lage. Die ersten deutschen Siedler übernahmen häufig slawische Dorfformen oder paßten sich den slawischen Formen an. Beispiele hierfür bildeten der Rundling oder das kleine Sackdorf, die vor allem im Westen Mecklenburgs verbreitet sind und die sowohl aus slawischer Zeit als auch der Kolonialzeit des 12. oder frühen 13. Jahrhunderts entstammen können.
Eine uneingeschränkte ethnische Zuordnung von Dorfformen ist allerdings nicht möglich. So entwickelte sich zwar die Form der Runddörfer in vielen slawischen Gebieten als Rundling, aber ebenso in anderen Bereichen, die nicht slawisch besiedelt waren.
Ähnliche Mischentwicklungen scheint es zum Teil auch bei den Dorfgründungen gegeben zu haben:
Einige neue Dörfer erhielten slawische Namen, obschon sie von Deutschen bewohnt waren, während andere, an deren Gründung Slawen sogar maßgeblich -beispielsweise als Lokatoren beteiligt waren, die Endung -dorf tragen.
Das Risiko des Landesausbaus lag in den meisten Fällen bei den Grundherren oder auch bei den Lokatoren . Typische Formen der deutschen Kolonisation waren im 13. Jahrhundert das Angerdorf und das Hagenhufendorf.
Das Angerdorf wurde nach einem Plan angelegt und die landwirtschaftliche Anbaufläche in Felder zerteilt.
Die Hagenhufensiedlung stand im engen Zusammenhang mit der Rodung, die landwirtschaftliche Nutzfläche war in lange Streifen lose hinter den Häusern angeordnet.  In Vorpommern traten zum Beispiel zahlreiche Dorfbezeichnungen mit der Endung „-hagen" auf, der jeweils der Name des jeweiligen Lokatoren vorgesetzt wurde.

Der deutsche Landesausbau in Mecklenburg kann in zwei Etappen aufgegliedert werden:
1.  Die Phase vor dem Jahr 1200, in der Rundlinge und Sackdörfer die Linie Wismar-Schweriner See erreichten sowie zwischen den Jahren 1200 und 1230, in der noch einige Angerdörfer hinzukamen.
2.  Der zwischen den Jahren 1216 und 1220 einsetzende Schub, der das mittlere Mecklenburg umfaßte -unter anderem die Gegend nördlich von Parchim mit großen planmäßig angelegten Dörfern. Die Phase gekennzeichnet durch große Fortschritte im Landesausbau dauerte bis zum Jahre 1260 und breitete sich bis nach Vorpommern aus.
Doch im Gegensatz zu Mecklenburg forcierten die pommerschen Herzöge den Landesausbau durch die frühe Christianisierung in den Jahren 1124 bis 1128. Hierdurch konnte die Einwanderung der deutschen Siedler bis ins 13. Jahrhundert von den pommerschen Herzögen kontrolliert werden und beschränkte sich bis dahin auf die Christianisierung durch die neuen Klöster sowie auf in die Städte eingewanderte Handwerker. Die Pommernfürsten Barnim I. und Wartislaw III. sowie den Bischöfen von Cammin förderten dann jedoch die West-Ost-Migration aus eigennützigen Gründen. Um sich einer großen Zahl von Vasallen zu versichern, die von pommerschen Familien nicht aufgebracht werden konnten, holten sie deutsche Ritter nach Pommern. Diese forcierten die deutsche Einwanderung, was letztlich auch zur Steigerung der Einnahmen führte. Ein Beispiel hierfür liefert der französische Historiker Charles Higounet:
 


Abb. 9: Siedlungsformen im 12. und 13. Jahrhundert

Ein brandenburgischer Ritter namens Gerbord von Köthen überließ 1262 drei Lokatoren nördlich von Stettin den Wald von Halteshagen unter der Bedingung, daß sie ihn urbar machten und die Siedler neben dem Kirchenzehnten pro Hufe einen Schilling bezahlten. Fürst Barnim, der Bischof und das Domkapitel von Cammin teilten den Zehnt unter sich auf (1273) und einigten sich, weitere Dörfer gründen zu lassen.
Auch die Kolonisten in Vorpommern ließen sich in Anger- oder Straßendörfern nieder, jedoch entstanden viel Hagenhufendörfer auf Rodungsinseln im Wald des Fürstentums Demmin. Parallel dazu gab es die runden Dorfformen in Kalen und der Gegend von Cammin. Diese konnten sowohl slawischen als auch deutschen Ursprungs sein. Viele Dörfer, die unter deutschem Recht  standen, wurden auch weiterhin von Slawen bewohnt. Die deutschen Siedler Vorpommerns ließen sich überwiegend in neugegründeten Dörfern nieder. Diese Neugründungen der Lokatoren, die sich bis ins 14. Jahrhundert fortsetzten, verursachten eine Umformung der slawischen Dörfer und Fluren. In Richtung Osten nahm die Zahl der Siedlungen mit deutschen Namen rasch ab.

Als Rechtsgrundlage der Siedlungen wurde fast immer das von den Eroberern neu verordnete oder importierte Recht angewandt. Dies traf auch für Herrschaftsgebiete zu, in denen die einheimische Dynastie keiner Eroberung zum Opfer fiel, sondern selbst über soziale Umwälzungen wachte.
Ein mecklenburgischer Herzog slawischer Herkunft bestätigte zum Beispiel die Freiheit seiner Vasallen, auf der Grundlage des Rechts, daß seit der neuen Gründung verwandt wurde. Die Neugründung wurde somit zum realen Neubeginn und prägte sich auch in das Bewußtsein des einheimischen Adels ein.

Mit dem Landesausbau ging die Entwicklung der Städte einher. Im Jahre 1160 wurde Schwerin von Heinrich den Löwen neu gegründet, der die dort ansässige slawische Burg mit Kaufmannssiedlung zerstört hatte. Die Verlegung des mecklenburgischen Bischofssitz nach Schwerin gab der Stadt zusätzliche Bedeutung.
Als zweite Stadtgründung im obodritischen Gebiet folgte Rostock im Jahr 1218. Die Stadt basierte ebenfalls auf die slawische Burg Rozstoch, die auch über eine Kaufmannssiedlung verfügte. Heinrich Borwin verlieh Rostock das lübische Stadtrecht, Zollfreiheit und das Recht auf einen Rat. Durch Privilegierung konnte ein schnelles Wachstum erreicht werden, so daß die Stadt bis zum Jahr 1262 um drei Siedlungen erweitert wurde.
Zwischen den Jahren 1225 und 1275 erfolgte der größte Teil der neuen Stadtgründungen in der Grafschaft Schwerin und im Fürstentum Mecklenburg. Hierzu zählen Parchim (1225), Plau (1226), Güstrow , Wismar (1228), Malchow (1235), Malchin (1236) und Neukalen, das im Jahre 1253 lübisches Stadtrecht erhielt.
Alle Kolonistenstädte wurden nach einem typischen geometrischen Muster angelegt, wonach im Zentrum ein Marktplatz lag, von dem die Straßen im rechten Winkel abgingen. Der Durchmesser der kreisrunden Stadt Neukalen betrug rund 200 Meter.

Die deutsche Kolonisation in Pommern konzentrierte sich zwischen den Jahren 1210 und 1280. Anders als Mecklenburg wurde Pommern kein Land größerer Städte. Älteste und zugleich wichtigste Stadt war hier Stettin, dessen ursprünglicher Kern ein slawisches castrum aus dem 10. Jahrhundert beinhaltete. In der Nähe zur Oder entwickelte sich hier ein suburbium und ein Mauergürtel. Mit Ausnahme von Stralsund (1248) und Greifenberg (1262) besaßen alle pommerschen Orte, die das Stadtrecht bekamen, einen slawischen Vorläufer mit castrum oder einer kleinen Siedlung. Zwei slawische Niederlassungen bestanden auch in Prenzlau, das im Jahre 1235 Stadtrecht erhielt. Herzog Barnim I. beauftragte mit der Errichtung der Stadt acht Lokatoren. Diese erheilten als Lohn 80 Hufen des insgesamt 300 Hufen großen städtischen Areals sowie neben weiterer Vergünstigungen den dritten Teil der Erträge des Pachtzins.

Schätzungweise migrierten im 12. Jahrhundert etwa 200 000 bäuerliche Kolonisten in die Gebiete östlich von Elbe und Saale.  Diese Kolonisten stellten dann selbst wieder Kolonisten für die noch weiter östlich gelegenen Regionen.
 

6.4 Der Import neuer Siedlungsstrukturen

Mit dem Beginn der deutschen Herrschaftsbildung und des deutsch-slawischen Landesausbaues seit der Mitte des 12. und vor allem seit Anfang des 13. Jahrhunderts drangen mit den Siedlern aus den altdeutschen Siedelgebieten -besonders aus dem Harzvorland, der Altmark, Niedersachsen, Westfalen und dem Ems-Weser-Mündungsgebiet- dort heimische und entwickelte Haus- und Siedlungsformen in das bis dahin ausschließlich slawische Kultur- und Siedlungsgebiet ein.
Es folgte eine völlige Veränderung aller Strukturen im dörflichen Siedlungs- und Wirtschaftleben. Die deutschen Immigranten ließen sich in und neben den slawischen Siedelplätzen nieder. In verschiedenen Darstellungen wird der gemeinsame Ausbau der Ansiedlungen von deutscher und der verbliebenen slawischen Bevölkerung betont. Durch umfangreiche Rodungstätigkeiten seien bis dahin unberührte Gebiete erschlossen und mit neuen Dörfern besetzt worden.
Ein Indiz für die Benachteiligung der slawischen Bevölkerung ist die Tatsache, daß vorhandene slawische Siedlungen teilweise umgelegt wurden. Die Landes- und Territorialherren wollten vermutlich Platz schaffen, für die sich entfaltenden Städte und für die neu angelegten Klöster.


Abb. 10: Der Import der Hagenhufensiedlung
 

Importiert wurden von den deutschen Siedlern die Dreifelderwirtschaft und die
Hufenverfassung.  Die größtenteils unregelmäßig angelegten Ortsanlagen wurden ersetzt durch geregelte Formen wie Rund-, Straßen-, Anger und Hagendörfer. Zudem sollen sich feste Gehöftformen ausgebildet haben.
Die Waldhufendörfer wurden zum typischen Merkmal in der Siedlungskolonisation. Die Bauernhöfe waren in regelmäßigen Abständen an einer Straße angeordnet, während die dazugehörigen Felder sich in breiten Landstreifen hinter den Höfen erstreckten. Die in den Wäldern Westdeutschlands entstandene Dorfform entsprach den Gegebenheiten der zu besiedelnden Orte, da die Aufteilung des Geländes von den Hofstellen Jahr für Jahr fortgesetzt werden konnte. Die Landstreifen in Waldhufendörfern endeten in ungerodeten Waldstücken am äußersten Ende der Hofflur. Die Hufen erstreckten sich auf einer Breite von rund hundert Metern und mehr als anderthalb Kilometer in der Länge.

Im 12. und 13. Jahrhundert existierten mehrere Hausbauformen nebeneinander. Hierzu gehörten Blockbauten, Pfostenbauten, Ständerbauten sowie ein- und mehrräumige Häuser. Von West nach Ost fortschreitend breitete sich in Mecklenburg das in ständerbauweise errichtet niederdeutsche Hallenhaus aus. Diese Hausform kam als etwas völlig Fremdes und Neuartiges mit einer neuen Wirtschaftsweise in das slawische Siedlungsgebiet.
Trotzdem lief die slawische Blockbauweise noch lange Zeit parallel zur importierten Ständerbauart und wurde erst zum Ende des Mittelalters vollständig aufgegeben. Die Ständerbauweise basiert auf einen hölzernen Rahmen, der unmittelbar auf der Erdoberfläche auflag beziehungsweise kellerartig eingegraben war und über dem Ständer eingelassen wurde, der das Wandgerüst der Keller und der darüber errichteten einstöckigen Häuser bildete.
Die niederdeutschen Hallenhäuser  nahmen neben der bäuerlichen Großfamilie auch das Vieh auf. Mit dem gesteigerten Getreideanbau wurde diese „Wohnstallhäuser" auch als Speicher für die Ernte verwendet. Unerforscht für Mecklenburg bleibt, wie die unterschiedlichen Hausformen mit ihren Nebengebäuden als Gehöfte integriert waren und welche Dorfformen hieraus entstanden oder mit den Burgen des niederen Adels und der am Ort gebauten Kirche bewußt gestaltet wurden.

Veränderungen gab es auch mit dem Import neuen Städtebaustrukturen. Ursprünglich besaßen -wie bereits in vorherigen Kapiteln erwähnt- Obodriten, Wilzen und Ranen zwei verschiedene Formen frühstädtischen Lebens. Es bestanden unbefestigte Siedlungen, deren Bevölkerung Handwerk und Handel trieb. Diese Siedlungen standen unter dem Schutz des jeweiligen lokalen Fürsten und beheimateten auch auswärtige Kaufleute wie Sachsen, Friesen, Wikinger und Araber. Charakteristisch ist die Küstenlage dieser Siedlungen.
Eine weitere Form frühstädtischer Siedlungen waren die zahlreichen Burgstädte , die neben einer zentralen Mittelpunktburg über vorgelagerte Handwerker- und Händlersiedlungen sowie über einen lokalen Kultplatz verfügten.
Während die Handelsplätze bereits lange Zeit vor Beginn der Ostsiedlung aufgegeben wurden, eroberten Deutsche und Dänen die großen Burgstädte im 12. und 13. Jahrhundert.
Dort, wo die Anlagen nicht so sehr verwüstet oder aufgegeben waren, ließen sich die Vertreter der neuen Herrschaft nieder. Als Keimzellen dieser Städte bildeten sich -anknüpfend an die vorhergehenden Entwicklungen- Märkte heraus. Recht selten wurden Städte völlig neu gegründet oder auf der „grünen Wiese" angelegt. Planmäßige Stadtgründungen, in denen keine slawische Siedlungen als Grundlage dienten, waren Greifswald, Neubrandenburg und Anklam.
Hier fehlten slawische Burgen beziehungsweise Frühstädte, an die sich die mittelalterliche deutsche Stadt anlehnen konnte. Die planmäßigen Stadtgründungen erfolgten allerdings, in einem mehr oder weniger stark besiedelten slawischen Umfeld und unter direkter räumlicher Anknüpfung an eine oder mehrere slawischer Vorgängersiedlungen unbekannter Funktion.

Die gesamte Sachkultur sowie die Bebauungsform und -struktur wird ab dem 13. Jahrhundert völlig von den aus dem Westen einströmenden Siedlern bestimmt.
Ähnliches gilt für den Befestigungsbau. Eine bislang völlig unbekannte Befestigungsart hielt mit den deutschen Adel im 13. und 14. Jahrhundert in Mecklenburg, Pommern und Rügen ihren Einzug. Unzähligen Motten und Turmhügelburgen wurden vom niederen Adel errichtet, der in diesen Kleinburgen lebte und wohnte. Die bedeutenden slawischen Hauptburgen  wurden den neuen Bedürfnissen entsprechend umgestaltet und fortlaufend benutzt. Außerdem entstanden zur Herrschafts- und Grenzsicherung weitere neue Großburganlagen  im Osten des Landes.

Ebenfalls ein Umbruch kann im Bestattungswesen festgestellt werden. Bis zum 12. und teilweise zum 13. Jahrhundert konnten die jungslawischen Gräberfelder belegt werden. Mit der Zuwanderung deutscher Siedler und der Christianisierung der slawischen Bevölkerung wurden Beisetzungen im Umkreis der Dorf- und Stadtkirchen  auf christlichen Bestattungsplätzen vorgenommen. Es erlosch im 13. Jahrhundert die slawische Sitte, dem Verstorbenen Beigaben ins Grab zu legen.
Generell wiesen die spätmittelalterlichen Friedhöfe eine west-ost-orientierte Lage der Bestatteten in hölzernen Särgen auf Sargbrettern oder -leitern auf. Es fehlen jedoch die Grabbeigaben, die bei den Slawen auf eine ausgeprägte Sachkultur schließen lassen. Schmuck und Trachtbestandteile waren die häufigsten Beigaben.
Der slawische Schmuck  -zumeist aus Silber oder Bronze gefertigt- unterscheidet sich in erheblichen Maß von den Erzeugnissen, die im Zuge des deutschen Landesausbaues  mit dem 12. Jahrhundert ins ostelbische Gebiet gebracht wurden.
Nahtlos ineinander über gingen Bodenbearbeitungs- und Erntegeräte. Flugschare und eiserne Sichel unterscheiden sich kaum von denen der deutschen Einwanderer.

Die Keramik hat sich von allen Erscheinungen der slawischen Sachkultur am längsten behauptet. Zwar verdrängte in den elbnahen Gebieten die mit den Siedlern einströmende harte Grauware die slawische Keramik an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert vollständig, doch konnte sich diese noch im mittleren und östlichen Mecklenburg sowie in Pommern gegen die Grauware lange Zeit erhalten.  Nach dem Jahr 1300 wurde die slawische Keramik vollständig von der Grauware, der roten Irdenware und in den Städten von importierten Steinzeug verdrängt. Die slawische Töpfer übernahmen die hereingebrachten Produktionstechniken und die slawische Bevölkerung nutzte die fremde Tonware, wodurch sie archäologische als eigenes Ethnikum nicht mehr erfaßt werden konnte.


 Exkurs: Die Veränderung des Landschaftsbildes in Mecklenburg
 

Durch die Bewirtschaftung bislang ungenutzter Flächen kehrte sich das Landschaftsbild um.
Waren die bewohnten und bewirtschafteten Flächen bisher in weite Ödländereien eingesprengte Siedlungsinseln gewesen, so wurden die Ödländereien nun ihrerseits inselhafte Restflächen. Obwohl die Wirtschaft, von heute aus gesehen, extensiv blieb, gelang im Verhältnis zu den frühmittelalterlichen Zuständen doch eine Intensivierung.
Die Veränderungen des Hochmittelalters bewirkten den Wandel von der menschlichen Ökologie, die nur eine zahlenmäßig geringe Bevölkerung ernähren konnte, aber dafür eine große Vielfalt natürlicher Nahrungsquellen nutzte, zur dicht bevölkerten Monokultur. Am Ende dieser Entwicklung stand eine größere, aber gesundheitlich anfälligere Bevölkerung.
Die Schaffung einer anfälligeren Ökologie war die weitere Kehrseite der Forcierung des Getreideanbaus. Ungepflügtes Land bedeuteten schließlich nicht, daß es sich hierbei um unfruchtbaren Boden handelte. Denn auch Ödland und Wälder bildeten natürliche Ressourcen. Trotzdem bestand  an der gewaltigen Expansion des Kulturlandes mit einem Wandel in Richtung einer Getreidemonokultur in der hochmittelalterlichen Gesellschaft kein Zweifel.


 7. Die Auswirkungen der feudalen Expansion und Migration auf die slawische Bevölkerung
 

7.1 Die Auslöschung ethnischer und kultureller Zentren

Inmitten einer christlichen Umwelt hatten Lutizen und Ranen Ansätze einer eigenen, vom Christentum unabhängigen Ideologie geschaffen, die ihrer Selbständigkeit dienen und gleichzeitig ihren Weg zur staatlichen Organisation begleiten sollte.
Aufgrund des Kräfteübergewichts des deutschen, polnischen und dänischen Feudalstaates sowie der gründlichen und weitverzweigten Organisation der christlichen Kirche scheiterte diese eigenständige Entwicklung der Slawen zwischen Oder und Elbe. Da sich die christliche Ideologie als Ideologie der Feudalgesellschaft bereits bewährt und gefestigt hatte, bestanden keine realen Entfaltungsmöglichkeiten für eine eigene geistig-kulturelle Tradition. Doch nicht der christliche Geist besiegte die slawische Religion, sondern die schärferen Waffen, die bessere Organisation der Kirche und die übermächtigen Kräfte der ... Feudalheere.
Im Jahre 1068 wurde der Kult des Svarozic und die redarische Tempelburg Rethra durch Bischof Burchard von Halberstadt geplündert. Um das Jahr 1125 folgte die endgültige Zerstörung Rethras und die Lutizen wurden in die Herrschaft der benachbarten Obodriten einbezogen.
Der Kult des Triglav im Oderdelta fiel in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts dem Bischof Otto von Bamberg zum Opfer. Dieser soll in Wolin den Tempel des vergoldeten Triglav vernichtet haben. Während er in Stettin das Idol zerhackte und seine drei Köpfe als Beweis für seine erfolgreiche Mission nach Rom schickte, konnten die heidnischen Priester in Wolin das Idol in Sicherheit bringen.
Da die Stammesverbände zumeist nicht von langer Dauer waren, erhielten sich die lokalen Kulte mit ihren Priestern bis zum Untergang des Heidentums. So sind die heidnischen Priester auch zu einem retardierenden Faktor der Entwicklung geworden, denn mit ihnen erhielt sich auch die alte Stammesverfassung, während das Christentum der fürstlichen Macht mit seiner feudalen Gesellschaftsordnung entgegenkam. Sobald der Einfluß der Priester zu verfallen begann, kam es auch verhältnismäßig rasch zur Christianisierung.
Mit der Zerstörung der slawischen Tempelburg Arkona auf der Insel Rügen im Jahre 1168 ging das letzte heidnische Zentrum im Gebiet zwischen Oder und Elbe verloren. Mit Hilfe der von den Sachsen unterworfenen Obodriten und den Pommernherzögen belagerte der dänische König Waldemar I. Arkona. Nach der Niederlage mußten die Ranen das Standbild des Gottes Svantovit und den Tempelschatz abliefern, womit auch die ökonomischen Grundlagen Arkonas zerschlagen wurden.
Ein Großteil der Tempelbauten konzentrierte sich auf das Gebiet der Lutizen, Ranen und Pomeranen, während sie seltener bei den Obodriten zu finden sind und bei den übrigen slawischen Völker im Süden oder Südosten völlig fehlen. Folglich trugen gerade die langwierigen Auseinandersetzungen mit den feudalen, christlichen Nachbarstaaten zur Entstehung der Tempel bei. Diese Auseinandersetzungen führten demnach nicht nur zur Mobilisierung der militärischen und politischen Kräfte der nordwestslawischen Völker sondern auch zum religiösen Verbund. Getragen wurde er von den Tempelinstitutionen mit einem gut organisierten Priestertum. Die Tempel wurden zum Mittelpunkt des Kultes und der politischen, militärischen und ökonomischen Macht geworden. Indirekt wurde der Tempelbau von den christlichen Kirchen in den Nachbarländern inspiriert. Die politische Bedeutung der Kirche als Stütze der feudalen Staatsmacht, kann bei den Slawen das Bedürfnis nach einem adäquaten Gegengewicht hervorgerufen haben. Für die Architektur der Tempel benötigten die Slawen zwischen Oder und Elbe jedoch keine fremden Einflüsse.

Häufig ungeklärt bleibt, was mit den kleineren Kultstätten und heiligen Hainen geschah. Zum Teil konnten auch sie einer Vernichtung nicht entgehen, zum Teil wurden sie aber bereits vorher schon aufgegeben.
Ein zeitlicher und räumlicher Bruch soll sich daher in der Abfolge zwischen slawischer Kultstätte und nachfolgend errichteter christlicher Kirche gezeigt haben.
Die unmittelbaren Stätten des slawischen Kultes wurden aufgegeben. Die christlichen Kirchen wurden im 12. und 13. Jahrhundert nicht über den Trümmern der einstigen Tempel errichtet.
Die These des Historikers Günter Mangelsdorf basiert auf die bisherigen archäologische Forschungen, die vom Autor selbst jedoch als unbefriedigend bezeichnet werden. Die Aussage steht nicht im Widerspruch dazu, daß in Mecklenburg ein Ethnozid besonderer kultureller Intensität stattfand. Denn sieht man den slawischen Tempelkult als Widerstandsform gegen die Eroberung und der zwangsweise erfolgten Christianisierung an, kann ebenso geschlußfolgert werden, daß die christlichen Kirchen nicht von heute auf morgen entstanden sind, zumal die Errichtung ein notwendiges Maß an Arbeitskräften voraussetzt. Außerdem sind mit der Bemerkung lediglich die unmittelbaren Kultstätten und nicht die zentralen Tempelburgen gemeint, die von den Okkupanten zerstört wurden. Zu den räumlichen Differenzen muß angemerkt werden, daß der slawische Kult oftmals seine Zentren an gut ausgesuchten Orten in der von den Kolonisatoren sogenannten Wildnis hatte. Die Tempelburg Rethra konnte bis zum heutigen Tag nicht genau lokalisiert werden. Orte wie Groß Raden, Ralswiek und Arkona konnten erst durch die archäologischen Forschungen der Gegenwart entdeckt werden und genauere Aufschlüsse liefern.

Anschauungen über den Ursprung der Welt aus slawischer Sicht sind weder in authentischen Quellen noch in mündlichen Überlieferungen erhalten geblieben.
Nichtsdestotrotz kann auf exakte aber ebenso modifizierte Beschreibungen von Chronisten der Nachbarvölker über Kultstätten, Götter und Heiligtümer der Ostseeslawen zurückgegriffen werden.
 

7.2 Verdrängung und Assimilation der slawischen Völker

Die durch die deutsche Ostexpansion und die mit Gewalt vorgetragene Christianisierung ausgelösten erbitterten Abwehrkämpfe der slawischen Stämme führten zu deren starker Dezimierung und zu deren Untergang. In einem langwierigen Prozeß verschmolz die verbliebene slawische Bevölkerung mit den aus dem Westen kommenden Siedlern unterschiedlicher ethnischer Herkunft zu den Bauern und Städtebürgern des Mittelalters und wurde somit zu einem deutschen Volksteil.
Die deutsche Ostsiedlung nahm im Jahre 1143 durch Graf Adolf II. in Ostholstein ihren Anfang, zog sich über Lauenburg, Mecklenburg, Pommern und Ostpreußen bis zu den Ausläufern des Baltikums. Am Ende stand dann das Verschwinden der Ostsseeslawen aus der Geschichte, das Erlöschen ihrer Sprache.
Verschiedene Erklärungsmodelle für den Untergang der Slawen als ethnische Gruppe liegen in der Ausrottung oder Verdrängung sowie der Assimilation an die Einwanderer aus dem deutschen Sprachraum. Auszuschließen ist allerdings die sogenannte Urgermanentheorie . Denn ein „urgermanisches" Volk hat es ebensowenig gegeben wie ein indogermanisches Urvolk.
Die Slawen zwischen Elbe und Oder bildeten also eigenständige ethnische Gruppen. Drei Faktoren charakterisieren die Slawen nach mittelalterlichem Verständnis als ethnische Gruppe:
1.  Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal für Ethnizität ist die Sprache. Denn der Gebrauch der slawischen Sprache verweist auch auf die Existenz von Slawen.
2.  Als weiter gefaßter Begriff von Sitte und Brauchtum wird die heidnische Religion genannt, die im Gegensatz zur Universalreligion des Christentums eine Volksreligion war und deren Bewahrung die Slawen mit dem Erhalt der politischen Unabhängigkeit gleichsetzen.
3.  Einen konstitutiven Faktor mittelalterlicher Ethnizität bildete das Recht. Denn zur Zeit ihrer Unabhängigkeit besaßen die Slawen ein eigenes Rechtssystem.
Die mittelalterliche Ethnizität war eher eine soziale Konstruktion als eine biologische Gegebenheit. Definiert man beispielsweise „deutsch" und „slawisch" eher aufgrund von Brauchtum, Sprache und Rechtssystem als anhand der Abstammung, dann konnten die Enkel von Slawen ohne weiteres Deutsche sein und die Enkel von Deutschen Slawen.
Auf Kleidung, häusliches Leben, Ernährungsgewohnheiten und Haartrachten bezog sich der Begriff „Sitten" oder „Gebräuche".

Die Assimilation der Slawen wird nach dem Modell des Historikers Thomas Hill in drei Phasen unterteilt:
1.  Die Verdrängung und Absonderung der Slawen (Mitte 12. bis Ende 12. und erste Hälfte 13. Jahrhundert)
2.  Die Teilnahme der Slawen am Landesausbau und Zusammenleben mit den Zuwanderern (Ende 12. bis Mitte 14. Jahrhundert)
3.  Das Ende der Slawen im Kontext der „Krise beziehungsweise der Krisen des Spätmittelalters" (seit der Mitte des 14. Jahrhunderts)
Anfangs kam es im slawischen Wagrien zu einer weitgehenden Trennung von Immigranten und einheimischer Bevölkerung durch die Zuweisung von Siedelgebieten. Die Slawen erhielten im Nordosten Wagriens eine als Reservat überlassene Region. Doch auch die Slawen, die in den an die Kolonisten verteilten Gebiete verblieben waren, siedelten für sich. Die Kolonisten bauten häufig bereits besiedelte Landstriche weiter aus, indem sie die slawische Bevölkerung vertrieben und deren Siedelplätze übernahmen. Durch Zuweisung neuer Wohnstätten und Ackerfluren in der Nachbarschaft entstanden sogenannte Doppeldörfer. Das heißt, die ehemals slawischen Dörfer nunmehr von Kolonisten bewohnten Dörfer behielten ihren ursprünglichen Dorfnamen, während die benachbarten slawischen Neugründungen mittels des Zusatzes „Wendisch-" differenziert wurden. Für die Kolonistendörfer gab es häufig noch den Zusatz „Deutsch-".
Noch heute können diese Doppeldörfer an ihrem Namen erkannt werden: So enthalten die Namen der ehemaligen Kolonistendörfer die Vorsilbe „Groß-" und die früheren slawischen Ortschaften die Ergänzung „Klein-".

Verdrängt und benachteiligt wurden die Slawen nicht aus ethnischen Gründen, sondern weil der sächsische Adel seine gerade errungene Herrschaft absichern und seine Einkünfte erhöhen wollte. Neuen Siedlern mußten attraktive Rahmenbedingungen eingeräumt werden, um sie zur Migration zu bewegen. Hierzu zählte die Überlassung des bereits von den Slawen erschlossenen Landes.
Die wagrischen Slawen unterstanden zudem einer gesonderten Rechtsstellung, dem „Wendenrecht". Da ihre Dörfer nicht in Hufe eingeteilt war, zahlten sie statt dem höheren Zehnt einen Bischofszins, der auf Grundlage der Pflüge erhoben wurde.
„Wendengesetze" und Wendenvögte sorgten darüber hinaus in Friedland und Rostock dafür, daß die slawischen Bevölkerungsteile von vornherein nicht Vollbürger waren und ihnen der Zugang zum Bürgerrecht verwehrt wurde.
Zünfte und Gilden versuchten sich durch starre Regeln von möglicher Konkurrenz abzuschirmen. Der Wendenparagraph  in den Zunftordnungen besagte zum Beispiel, daß nur echte und rechte Deutsche, und keine Wenden, freie und nicht in Untertänigkeit geborene aufgenommen werden durften.
Eine weitere ökonomische Diskriminierung bedeutete die lübische Zollkontrolle, die für slawische Marktbesucher aus dem Umland einen Kopfzoll vorschrieb.
Trotzdem konnte sich ein slawisches Eigenbewußtsein noch halten, gefördert durch eine Absonderung der Slawen, den mangelnden Missionserfolgen und den Erhebungen gegen die sächsische Oberhoheit bis zum Ende der 60er Jahren des 12. Jahrhunderts.
Sofern es sich nicht um reine Rodegebiete handelte, lebten die deutschen Siedler neben den slawischen Bauern, die zunächst wegen ihrer schlechteren Rechtsstellung Einwohner zweiter Klasse waren.
Als wesentliche Ursache für die Assimilation der Slawen sieht Hill die rechtlich-ökonomische Diskriminierung. Zum Beispiel konnte nur der Verzicht auf die slawische Sprache die Möglichkeit zu sozialem Aufstieg oder Prestigegewinn geben. Dies verschärfte in Form der zusätzlichen Benachteiligung als Unterworfene sowie als Land-Stadt-Migranten.
Einen weiteren Assimilierungszwang könnte die Kirche ausgeübt haben, die seit dem 14. Jahrhundert von ihren Pfarrern den Nachweis deutscher Abstammung forderte.

Um die Jahrtausendwende sollen im Elbe-Oderraum etwa 250 000 Slawen gelebt haben.  Nach der Dezimierung, Verdrängung und allmählichen Assimilation zwischen slawischer Bevölkerung und deutschen Zuwanderern gab es -Schätzungen zu Folge- im Mecklenburg des 14. Jahrhundert noch etwa 30 000 Slawen.
Ähnliche Auskünfte sind dem Ratzeburger Zehntregister aus dem Jahr 1230 zu entnehmen. Hier heißt es, daß von den 277 Orten der Grafschaft Ratzeburg nur noch acht, und von 129 Dörfern im Gebiet zwischen Lübeck und Wismar noch 13 von Wenden bewohnt waren,  d. h. nach wendischem Recht lebten.

Anders als im ostelbischen Gebiet vollzog sich der Übergang im 11. und 12. Jahrhundert zur deutschen Herrschaft im Wendland friedlich. Lange Zeit hatten die Slawen im Wendland ein von der fränkischen Reichsmacht geduldetes Eigenleben führen dürfen. Obwohl sie direkte Nachbarn der Sachsen waren, wurden sie in keiner der frühen Quellen erwähnt. Vermutet wird, daß sie sich von den Obodriten abgespalten haben und sich den Franken gegenüber loyal verhielten.
In den wendländischen Adelsgeschlechtern findet man über Jahrhunderte hinweg noch slawische Vornamen.  Die Ablösung der slawischen Burgenverfassung durch die deutschen Grafschaften, getragen von altmärkischen Rittern und Grafen erfolgte in Etappen und ohne Bruch. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat der slawische Adel weiterhin Herrschaftsaufgaben übernommen und ging schließlich im deutschen Adel auf.
An anderer Stelle wird auch erwähnt, daß die Wendlandslawen bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges unter sich blieben. Die relative Geschlossenheit der Siedlung und insbesondere die schlechte Qualität des Bodens, die keine deutschen Siedler anlockte und somit dem Adel zu wenig Gewinne versprachen, könnten hierfür die Ursache sein.
 

7.3 Anpassung und slawischer Identitätsverlust

Der slawische Adel verschmolz wohl bald mit den eingewanderten Ritter- und Ministerialenfamilien und wirkte am Aufbau und an der Verwaltung der ostdeutschen Landesherrschaften mit.
Nach langem Widerstand arrangierten sich die slawischen Führungsschichten Mecklenburgs mit den sächsischen Eroberern. Zahlreiche Indizien deuten auf eine zunehmende Anpassung insbesondere bei den Adelsschichten hin. Denn von der Assimilation wurden zunächst die Bevölkerungsgruppen erfaßt,  die am stärksten mit der deutschen Einwanderung in engerer Verbindung standen. Dies traf auf den Adel zu. Bereits im Prozeß der obodritischen Staatsbildung hatte es enge Verbindungen des slawischen Hochadels zu Sachsen und Dänen gegeben. Allerdings beschränkte sich dieser Kontakt auf eine kleine Gruppe.
Im 12. und 13. Jahrhundert hingegen drängte die eingewanderte Schicht deutscher Ritter die slawischen Ritter zurück. Auch wurden niederer Feudaladel, Ritter und Lehnsmänner häufig von den slawischen Fürsten Mecklenburgs, Rügens und Pommerns als Dienstleute eingesetzt. Die slawischen Ritter verschmolzen durch Verbindungen und Angleichung der Rechtsstellung mit dem deutschen Adel zur Schicht des ostelbischen Ritterstandes, dessen Basis dörflicher Grundbesitz und die Verfügung über bäuerliche Leistungen war.
 


Abb. 11: Der Anpassungsprozeß bei der adligen Namenwahl

Am deutlichsten lassen sich die Anpassungsprozesse im slawischen Adel an der Namensgebung der Nachkommen ablesen. So wurde das lokal geprägte Namenrepertoire aus dem frühen Mittelalter, ersetzt durch standardisierte universelle Muster. Transformation und Konvergenz charakterisierten die wichtigsten Kriterien bei der Namensgebung im Hochmittelalter. Im mecklenburgischen - ehemals obodritischen- Herrschergeschlecht dominierten bis zum Ende des 12. Jahrhundert slawische Name. Nach dem Jahr 1200 beeinflußten frisch importierte deutsche Vorbilder die Namenwahl. Als gravierende Folge ergab sich, daß in der Generation des späten 13. Jahrhunderts lediglich einer von sechzehn Namen slawischen Ursprungs war. Die Übernahme von Namen deutscher Herrscher und Heiliger könnte auf die Annäherung und Nachahmung eines mächtigen Nachbarn zurückzuführen sein sowie auf den Aufstieg der Universalheiligen in der mecklenburgischen Stammtafel. Der Homogenisierungsprozeß verbunden mit den zunehmenden kulturellen Vereinheitlichungstendenzen kennzeichnet die Namengebung in der  hochmittelalterliche Epoche.

Die Herrscher zwischen Elbe und Oder festigten ihre Stellung im 12. und 13. Jahrhundert, indem sie ausländische Immigranten begünstigten, fremde Ritter mit Lehen bedachten und einheimische Institutionen neu gestalteten. Herzu gehörte auch das Münzwesen. Noch zur Mitte des 12. Jahrhunderts kannten die wendischen Slawen zwischen Oder und Elbe keine eigenen Münzen. Dies dokumentierte Helmold von Bosau auf der Insel Rügen:
Nun haben aber die Ranen kein gemünztes Geld; beim Warenkauf ist dort Münzumlauf nicht üblich, sondern man erhält alles, was man auf dem Markt erhandeln will, gegen Leintücher.
Seit dem zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts begannen die Slawen östlich der Elbe mit der Prägung von Silbermünzen. Vor dem Hintergrund westlicher Kolonialexpansion entwickelte sich das Münzwesen sehr schnell. Ähnlich verbreitete sich auch das Urkundenwesen über das östliche Mitteleuropa. Die Entwicklung verlief hier nach einem gleichmäßigen Muster. In den Indikatoren Urkunde und Münze spiegelt sich eine vollständigere und intensivere Einbindung der transelbischen Länder in die lateinisch-fränkische Welt wieder.
 


Abb. 12: Die Ausbreitung der niederdeutschen Sprache
 

Durch den Assimilationsprozeß in den Gebieten östlich von Elbe und Saale wurde seit dem 13. und 14. Jahrhundert eine überregionale Gemeinsprache herausgebildet. Die mittelniederdeutsche Geschäftssprache trat dabei immer stärker in den Vordergrund.  Das Resultat dieser Vorgänge im 14. und 15. Jahrhundert war, daß in fast allen Gebieten der Gebrauch der slawischen Sprache zurückging beziehungsweise gänzlich erlosch.
Nur wenige Worte aus dem  Slawischen haben sich in der mecklenburger Mundart -einer Mischung von nordsächsich-holsteinischen Sprachformen mit westfälisch-ostfälischen Eigentümlichkeiten- erhalten.

Nachfolgend wurde insbesondere von den Städten ein Ausgleich gefördert, der die zusammentreffenden sprachlichen und kulturellen Traditionen integrierte und neue ethnische Einheiten ergab. Bis zum 14. und 15. Jahrhundert bildeten sich so aus der einheimischen slawischen Bevölkerung und den eingewanderten deutschen Gruppen die neuen ethnischen Einheiten der Mecklenburger und Pommern.


 8. Resümee
 


Abb. 13: Die altslawische Ringwallanlage in Groß Raden

Da es im polytheistischen Umfeld der Völker zwischen Oder und Elbe kein entwickeltes Schriftwesen gab, sind die  vorliegenden Erkenntnisse über die ländliche Siedlungswelt des Mittelalters noch recht dürftig.
Selbst die sehr aktive Schule der Frühmittelalter-Archäologen in der ehemaligen DDR hatte bis 1983 erst zwei wendische Dörfer vollständig freigelgt. In einer neueren Studie über das östlich der Elbe gelegene Havelland heißt es: „Von den 149 spätslawischen Siedelplätzen wurde kein einziger systematisch untersucht".
 


Abb. 14: Die in Groß Raden rekonstruierte Kultstätte der obodritischen Warnen war einer bislang unbekannten Gottheit gewidmet

Herausragend sind die Resultate bei der Erforschung früher slawischer Siedelplätze.  So wurde zwischen den Jahren 1973 und 1980 in der altslawischen Siedlungskammer am Sternberger See beim Ort Groß Raden eine Tempelstätte und eine Ringburg anlage freigelegt. Durch die zahlreichen Bodenfunde konnten Erkenntnisse zu Wirtschaft, Siedlungswesen, Burgenbau und zur materiellen Kultur gesammelt werden.

In der Chronik Helmolds von Bosau, die im Jahre 1172 ihren Abschluß fand, ist zu lesen: Das ganze Gebiet der Slawen, von der Eider, der Grenze des dänischen Reiches, anfangend, und wie es sich zwischen der Ostsee und der Elbe durch weite Landstriche bis nach Schwerin erstreckt, das einst durch räuberische Überfälle unsicher gemacht und fast verödet war, ist nun durch Gottes Gnade vollständig verwandelt und gleichsam ein einziges Siedlungsland der Sachsen geworden; da werden Städte und Dörfer angelegt und es vervielfältigt sich die Zahl der Kirchen und der Diener Christi.
Eine Betrachtung, die stark überzogen ist, denn weite Landstriche waren von der sächsischen Besiedlung noch überhaupt nicht erfaßt worden. Doch tatsächlich ist es den expansiven Elementen im deutschen Feudalstaat -dem Adeligen und Klerikern des Herzogtums Sachsen gelungen- das nordwestslawische Territorium zwischen Elbe und Oder in das feudale Herrschaftssystem zu integrieren. Der hartnäckige Widerstand der slawischen Bevölkerung gegen Eroberung und Christianisierung konnte spätestens in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gebrochen werden.

Doch warum konnten die nordwestslawischen Völker kein kontinuierliches Herrschaftssystem hervorbringen, das einer Einverleibung durch die feudalen Nachbarstaaten widerstanden hätte?
Die Gründe lassen sich in der slawischen Frühphase vermuten. Die nordwestslawischen Völker wanderten erst zum Ende der Völkerwanderungszeit -und zwar unbemerkt von fränkischen Chronisten- in das Gebiet zwischen Oder und Elbe ein. So genoß das benachbarte fränkische Reich einen zeitlichen, geographischen und technischen Entwicklungsvorteil. Da der größte Teil der fränkischen Reichsgebiete ehemalige römische Provinzen waren, gab es eine direkte Verbindung zu den sozioökonomischen fortgeschrittenen Kulturen im Mittelmeerraum.
Stabilisierende Verhältnisse konnten sich bei den Nordwestslawen auch nachfolgend nicht entwickeln, denn zwischen den sehr unterschiedlichen Volksgruppen gab es einen fortdauernden Konkurrenzkampf. Die alte Feindschaft zwischen Obodriten und Wilzen (Lutizen) -die bereits in den fränkischen Annalen des Jahres 808 zitiert wird-  spielte auch nachfolgend eine große Rolle, als Karl der Große im Bündnis mit den Obodriten gegen die Sachsen kämpfte, die ihrerseits mit den Wilzen paktierten.
Als bittere Ironie des Schicksals sollte sich der Fakt erweisen, daß ausgerechnet die Sachsen -an deren Unterwerfung und Christianisierung die Obodriten durch das militärische Bündnis mit Karl dem Große ebenfalls beteiligt waren- später dem frühfeudalen Obodritenstaat zum Verhängnis werden, als die völlige Unterwerfung Mecklenburgs durch den Sachsenherzog Heinrich den Löwen erfolgte.

Bezeichnend bleibt auch für den weiteren Ablauf: Die Gegensätze unter den nordwestslawischen Völkerschaften ließen kein Zusammengehörigkeitsgefühl von zeitlicher Kontinuität zu.
Zudem versuchten die Franken die Bildung eines festen Herrschaftssystems auf slawischer Seite zu vermeiden: So führte Ludwig der Deutsche im Jahre 844 einen Kriegszug durch, der die Zerschlagung des obodritischen Volksverbandes zum Ziel hatte.
Nach der Christianisierung der Sachsen und der Dänen gerieten die Nordwestslawen durch die Umklammerung der feudalen Territorialstaaten immer mehr in die Isolation. Denn auch der slawische Adel in Böhmen, Pommern und Polen beugte sich der ottonischen Christianisierungswelle.  Diesen ottonischen Herrschern gelang es schließlich auch weite Teile Mecklenburg zu unterwerfen und das Herrschergeschlecht der Obodriten zu christianisieren.

Mitte des 10. Jahrhunderts erhoben sich die nordwestslawischen Völker erfolgreich im Lutizenbündnis. Diese Form der Volksversammlung läßt fortan den heidnischen Tempelkult mit seiner Priesterkaste zum Machtfaktor im Land zwischen Oder und Elbe werden.
Auf dem Höhepunkt seiner Macht stand der Lutizenbund wohl zur Jahrtausendwende, als der deutsche König Heinrich II. mit den Slawen ein Bündnis gegen den polnischen Feudalstaat der Piasten einging und auch Teile der Obodriten sich dem Bündnis anschlossen.
Wiederum waren es jedoch innere Auseinandersetzungen unter den Völkerschaften, die dem Lutizenbündnis angehörten und für dessen entscheidende Schwächung sorgten.

Der Widerstand der slawischen Bevölkerung gegen die Eroberung kann gleichgesetzt werden mit dem Widerstand gegen die Christianisierung. Innerhalb des slawischen Verständnisses verschmolzen die drohende weltliche und geistliche Unterwerfung durch die Nachbarstaaten zu einem Faktor.
Da den slawischen Heiligtümern eine besondere ideologische Bedeutung zukam, brach der Widerstand nach der Entweihung der Tempel sowie der Zerstörung der Idole durch sächsische und dänische Okkupanten schnell zusammen.
Das reale Macht- und Entscheidungspotential lag nicht in der Hierarchie der slawischen Fürsten, sondern in der Priesterkaste, die mit ihrem Tempelkult Anfänge zur Theokratie hervorbrachte. Die Vernichtung der Tempel und Heiligtümer durch die Okkupanten sorgte also für eine entscheidende Schwächung der slawischen Herrschaftsstrukturen.

Eine Sonderstellung galt für das obodritische Herrschaftsgebiet, in dem es auch weniger Tempelorte gab als in den lutizisch-ranischen Arealen.  Bei den Obodriten wurde unter Mitwirkung der sächsischen und dänischen Herrschaftshäuser eine Christianisierung sowie eine Feudalisierung von außen propagiert. Das slawische und bereits christianisierte  Herrschergeschlecht der Nakoniden wurde von den benachbarten Feudalgewalten gefördert. Diese frühfeudalen Ansätze stießen in der obodritischen Bevölkerung auf wenig Gegenliebe, so daß das Herrschergeschlecht aufgrund des breiten Widerstandes zeitweilig im dänischen Exil leben mußte. Erst durch Intervention der Feudalgewalten und nach der Schwächung des Lutizenbundes konnten sich die Obodritenherrscher wieder in Mecklenburg etablieren. Die territoriale Herrschaft umfaßte dabei auch Teile ehemals lutizischer Areale.

Mit der Legitimation durch die Kreuzzugsphilosophie versuchten schließlich die feudalen Gewalten zur Mitte des 12. Jahrhunderts das letzte europäische Machtvakuum zwischen Elbe und Oder zu unterwerfen sowie aufzuteilen.
Da die Teilnehmer des Wendenkreuzzugs von Beginn an ökonomische Interessen verfolgten und Konfrontationen aufgrund der unterschiedlichen Interessen auftraten, verlief der Raubzug im Ostsseeraum ohne herrschaftspolitische Konsequenzen für die Slawen.
Die endgültige Unterwerfung der slawischen Völker im Ostseeraum vollzog sich dann in den 60er Jahren des 12. Jahrhundert als Heinrich der Löwe die slawischen Gebiete seinem direkten Herrschaftsbereich unterstellen wollte.
In den Eroberungskriegen setzte der sächsische Herzog neue Belagerungstechniken ein und nutzte eine geschickte Bündnispolitik mit den Dänen gezielt aus. Außerdem bemächtigte er sich als Mittel gegen den slawischen Widerstand der Geiselhaft. Wratislaw, Sohn des Obodritenfürsten Niklot, sowie einige andere slawische Adelige nahm der Sachsenherzog als Geiseln, um so ein Stillhalten nach der Eroberung des Obodritenlandes zu erpressen. Als Wratislaws Bruder Pribislaw sich trotzdem gegen die sächsiche Oberhoheit erhob, ließ Heinrich der Löwe die Geisel zur Abschreckung öffentlich aufhängen.

Motivationsschub für eine nachfolgende Ausgleichspolitik gegenüber dem slawischen Obodritenfürsten Pribislaw, der die größten Teile Mecklenburgs als Lehen erhielt, lieferte die unsichere Stellung, die der Sachsenherzog im eigenen Land hatte. Außerdem sollte Mecklenburg zügig befriedet werden, um den Landesausbau zu forcieren und somit Einkünfte zu sichern.
Hierfür wurde auch die Hilfe der noch verbliebenen slawischen Bevölkerung benötigt. Während Pribislaw noch versuchte, das slawische Element in der mecklenburger Bevölkerung zu stärken, forcierte bereits sein Sohn, Heinrich Borwin, die Einwanderung von Kolonisten aus dem Westen. Das Arrangement mit den sächsischen Eroberern sicherte der Adelslinie die Grundherrschaft über alle mecklenburgischen Landesteile mit Ausnahme von Schwerin bis zum Ende der deutschen Monarchie im Jahre 1918.

In der Histographie des 19. Jahrhunderts erhält das Schicksal der Slawen an Oder und Elbe im europäischen Zusammenhang einen unterschiedlichen Stellenwert.  Im deutschen Geschichtsbild wird der Raum zwischen Elbe und Oder im Mittelalter als eine Barriere dargestellt wird, die sich der Ausbreitung der christlichen Lehre unter dem deutschen Schutz lange Zeit widersetzt. Die polnische Geschichtskonzeption sieht in den Slawen westlich der Oder die Rolle eines „Bollwerks", an dem die deutsche Ostexpansion für Jahrhunderte aufgehalten wurde.

Die heidnische Religion mit dem Aufblühen des Tempelkults bot allen slawischen Völkern zwischen Elbe und Oder -mit Ausnahme der bereits christlichen Pommern- ein geistiges Zentrum des Widerstands.
Wiederholungen dieses Beispiels liefert die Geschichte immer wieder. So konnten in der Neuzeit die spanischen Conquistadoren den Widerstand der altamerikanischen Völker nur durch die Zerstörung der religiösen Zentren brechen.
Die fundamentalistischen Tendenzen im Islam zum Beispiel bilden einen Schutzmechanismus gegen die fortschreitende „Verwestlichung". Ähnlich wie im Tempelkult der Slawen dokumentieren sich hier aktuelle Widerstandsformen gegen die immer noch andauernde globale Europäisierung.

Denn der Abschluß der Europäisierung Europas im Mittelalter bildete gleichzeitig den Auftakt zur Europäisierung der Welt in der Neuzeit.


 Verzeichnis der Abbildungen und Grafiken
 

Abb. 1:  Schema der slawischen Siedlungsentwicklung zwischen Oder
 und Elbe (J. Herrmann) S. 11
Abb. 2:  Die slawischen Völker im südlichen Ostseeraum  (J. Herrmann)  S. 13
Abb. 3:  Die Expansion Heinrichs des Löwen (F. Engel) S. 37
Abb. 4:  Das Herrschaftsgebiet der Lutizen und die slawischen Fürstenburgen (J. Herrmann) S. 42
Abb. 5:  Die feudalen Adelswanderungen in Mitteleuropa (F. Engel) S. 50
Abb. 6:  Größenvergleich zwischen Volksburgen und Adelsburg in
 Europa (R. Bartlett) S. 54
Abb. 7:  Die importierten Klosterniederlassungen in Mecklenburg-
 Vorpommern (F. Engel) S. 60
Abb. 8:  Die Wanderungsbewegungen der Siedler (F. Engel) S. 62
Abb. 9:  Siedlungsformen im 12. und 13. Jahrhundert (J. Herrmann) S. 65
Abb. 10: Der Import der Hagenhufensiedlung (F. Engel) S. 68
Abb. 11: Der Anpassungsprozeß bei der adligen Namenwahl (R. Bartlett) S. 82
Abb. 12: Die Ausbreitung der niederdeutschen Sprache (F. Engel) S. 83
Abb. 13: Die altslawische Ringwallanlage in Groß Raden (Privat) S. 85
Abb. 14: Die Tempelstätte der obodritischen Warnen (Privat) S. 85


 Literaturangabe

Gerd Althoff, Hagen Keller: Heinrich I. und Otto der Große, Göttingen 1985
Robert Bartlett: Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt, London 1993
Gerd Biegel: Heinrich der Löwe, Braunschweig 1995
Hartmut Boockmann: Das Mittelalter, München 1988
Werner Budesheim (Hrsg.): Zur slawischen Besiedlung zwischen Elbe und Oder, in Beiträge für Wissenschaft und Kultur, Bd. 1, Neumünster 1994
Evamaria Engel: Die Stadt im Mittelalter, München 1993
Evamaria Engel/Eberhard Holtz (Hrsg.): Deutsche Könige und Kaiser des Mittelsalters, Leipzig/Jena/Berlin 1990
Franz Engel: Niedersachsen, Mecklenburg - Pommern aus: Schriftenreihe der Landeszentrale für Heimatdienst in Niedersachsen (Hrsg.),  Hannover 1956
Friedrich Engels: Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, Berlin 1964
Hermann Heckmann (Hrsg.): Mecklenbburg-Vorpommern. Historische Landeskunde Mitteldeutschlands, Würzburg 1989
Alexander Heine(Hrsg): Helmold - Chronik der Slaven, Kettwig 1990
Joachim Herrmann (Hrsg.): Die Slawen in Deutschland, Berlin 1985
Joachim Herrmann (Hrsg.): Die Welt der Slawen, Leipzig/Jena/Berlin 1986
Joachim Herrmann: Wikinger und Slawen, Berlin 1982
Joachim Herrmann: Zwischen Hradschin und Vineta, Leipzig/Jena/Berlin 1971
Charles Higounet: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter, Berlin 1986
Helmut Hiller: Heinrich der Löwe, Frankfurt 1985
Peter Hilsch: Mittelalter, Frankfurt 1989
Karl Jordan: Heinrich der Löwe, München 1979
Wolf Karge (Hrsg.): Ein Jahrtausend Mecklenburg und Vorpommern, Rostock 1995
Horst Keiling: Archäologische Funde, Schwerin 1984
Horst Keiling: Archäologisches Freilichtmuseum Groß Raden, Schwerin 1990
Manfred Kossok (Hrsg): Allgemeine Geschichte des Mittelalter, Berlin 1985
Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, München 1996
Friedrich Lotter: Die Konzeption des Wendenkreuzzugs, Sigmaringen 1977
Herbert Ludat: An Elbe und Oder um das Jahr 1000, Weimar 1995
Udo Margedant/Thomas Ellerbeck: Politische Landeskunde - Mecklenburg-Vorpommern, Landeszentrale für Politische Bildung (Hrsg.), Schwerin 1991
Peter Mast: Mecklenburg-Vorpommern, München/Berlin 1994
Michael Müller-Wille (Hrsg): Slawen und Deutsche im südlichen Ostseeraum vom 11. bis 16. Jahrhundert, Neumünster 1995
Heinrich Pleticha: Deutsche Geschichte Bd. 1, Stuttgart 1981
Robert Slawski: Im Zeichen des Löwen, Braunschweig 1996
Heinrich Trost (Ges.red.): Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR - Mecklenburgische Küstenregion, Berlin 1990
Zdenek Vana: Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker, Stuttgart 1992
Walter Zöllner: Geschichte der Kreuzzüge, Berlin 1990